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Rostock/Teterow : Lea-Marie hätte geholfen werden können

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In dem Streitverfahren vor dem Landgericht Rostock um Schmerzensgeld für Lea Marie, das ihre Vertreter vom Landkreis Güstrow fordern, hatte gestern der Gutachter Dr. Stefan Orlob das Wort.

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erstellt am 01.Jul.2011 | 12:39 Uhr

In dem Streitverfahren vor der 9. Zivilkammer des Landgerichtes Rostock um Schmerzensgeld für Lea Marie, das ihre Vertreter vom Landkreis Güstrow fordern, hatte gestern der Gutachter Dr. Stefan Orlob das Wort. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie hatte die Frage zu beantworten, ob weitere Misshandlungen des Kindes durch ein Eingreifen der Mitarbeiter des Jugendamtes Güstrow hätten verhindert werden können. Gleichzeitig sollte geklärt werden, wie die Mutter des Kindes auf einen Besuch des Jugendamtes reagiert hätte. Der Sachverständige hatte bereits in den Strafverfahren gegen die Mutter vor dem Landgericht Rostock und gegen die Mitarbeiterin des Jugendamtes vor dem Amtsgericht Güstrow, die eine Mitteilung einer Kinderärztin über auffällige Verletzungen des Kindes nicht weiterleitete, die Ansicht vertreten, dass die junge Frau durchaus bereit gewesen wäre, Hilfe anzunehmen.

Dr. Orlob erklärte gestern noch einmal, dass die Mutter von Lea Marie zwar intellektuell eingeschränkt ist, aber keine psychischen Erkrankungen hatte. Sie sei zu Gesprächen bereit gewesen und durchaus offen. Sie sei aber mit den Familienproblemen überfordert gewesen. "Ich gehe davon aus, dass ein Eingreifen des Jugendamtes durchaus eine Chance für das Kind bedeutet hätte", so der Gutachter. Er hielt es für unwahrscheinlich, dass sie einer Vertreterin des Amtes die Tür gewiesen hätte, erklärte er auf Nachfrage. "Eine reale Chance hätte bestanden, wenn die Mitarbeiterin des Jugendamtes es für nötig erachtet hätte, den Kontakt zu intensivieren, zum Beispiel für eine längere Betreuung durch die Familienhilfe zu sorgen. "Sind sie sicher, dass die Mitarbeiterin Schaden verhindert hätte", wollte die Vertreterin des Landkreises wissen. "Ich halte es im höheren Grade für wahrscheinlich", lautete die Antwort des Sachverständigen.

Der Vorsitzende Richter hatte zuvor noch einmal an die Parteien appelliert, sich zu einigen, worauf der Vertreter des Kindes mitteilte, dass die Gegenseite zu keinem Vergleich bereit sei, auch bei einem niedrigeren Angebot nicht. Woraufhin der Richter die Schmerzensgeldtabelle zog und als Beispiel einen ähnlich gelagerten Fall eines neunjährigen Mädchens aus Österreich ins Spiel brachte, dem 85 000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen wurden. Es kann also für den Landkreis Güstrow noch teurer werden.

Zur Erinnerung: Über drei Jahre lang war Lea Marie von der eigenen Mutter in Teterow grausam misshandelt worden. Sie flößte dem Kind ätzende Essenzen ein und verbrühte es mit kochendem Wasser beide Oberschenkel. 17- mal wurde das Kind von Ärzten begutachtet, bis endlich ein Verdacht aufkam. Dies alles geschah im Alter von zwei bis fünf Jahren. In der Speiseröhre des Kindes entstanden durch die Essenzen Vernarbungen, die bis zu seinem Erwachsensein eine Langzeitbehandlung erforderlich machen. Solange müssen unter Vollnarkose regelmäßig Dehnungen der Speiseröhre erfolgen. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes wurde im März 2009 vom Amtsgericht Güstrow wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen verurteilt.

Als neuer Verkündigungstermin für ein Urteil wurde der 16. September genannt.

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