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20. August 2017 | 10:06 Uhr

Last und Lust mit den Frauen

vom

Güstrow | So sieht bei Ernst Barlach eine Femme fatale aus. Ja, bei Barlach, dem Meister der bildhauerischen Innerlichkeit. "Sitzender Frauenakt von vorn" ist der schlichte Titel des Blattes, eine Kohleskizze, datiert 1900, eine Fingerübung, nichts Besonders wohl.

Oder doch? Das Blatt ist von morgen an in der neuen Ausstellung der Ernst-Barlach-Stiftung in Güstrow zu sehen, die unter dem Titel "...das Kunstwerk dieser Erde" die Frau und das Frauenbild im Werk des Bildhauers, Grafikers und Dramatikers in den Mittelpunkt stellt. Da ist viel zu entdecken. "Es kann durchaus sein, dass diese Ausstellung das Bild von Barlach ändert", sagt Dr. Andrea Fromm, die gemeinsam mit Helga Thieme die Ausstellung kuratiert hat. Die Frauen und Barlach, das sei als Thema für eine Ausstellung eine "kunsthistorische Premiere". Plastiken und Zeichnungen sind in drei Abschnitte gegliedert. Barlachs Lehr- und Anfangsjahre inklusive Aufenthalt in Paris, das Erweckungserlebnis seiner Rußlandland-Reise 1906 sowie die Jahre danach und schließlich die intensiven Arbeitsjahre ab etwa 1912.

Auch wenn das Thema "Barlach und die Frauen" von der Forschung bisher eher vernachlässigt worden ist - weit hergeholt ist es nicht. Schließlich verzeichnet Barlachs Vita eine waschechte Atelier-Affäre. Mit seinem Modell Rosa Limana Schwab hatte er den 1906 geborenen Sohn Nikolaus, den er ihr in einem mit harten Bandagen geführten Sorgerechtsprozess wegnahm. Die Femme fatale, die verhängnisvolle Frau, gezeichnet im Jahr 1900 - das ist Rosa Limana Schwab. Ihr Haar ist offen, der Leib nackt, der Blick verhangen, und man könnte sich schon vorstellen, was sie und der Zeichner kurz zuvor im Atelier getrieben haben… "Bisher war die Forschung davon ausgegangen, dass Rosa Limana und Barlach sich erst im Jahr 1905 kennen gelernt haben", sagt Dr. Andrea Fromm. Offenbar hatte der Künstler aber doch eine längere Beziehung mit seinem Modell, viele Skizzen und Studien liefern dafür Hinweise.

Ein Rundblick durch Grafikkabinett und Ausstellungsforum am Güstrower Heidberg zeigt schnell: Frauen kommen immer vor bei Barlach, und darunter sind auch seine Frauen. Am Anfang, 1890, sah noch alles aus wie bei Ludwig Richter: In biedermeierlicher Idylle sitzt ein scheues Mädchen unter einem Baum. Anna Spiekermann ist es, Barlachs erste und gleich unglückliche Liebe. Entstanden ist die Federzeichnung 1890 - ein Jahr, nachdem die Eltern des Mädchen das Ende der beidseitig schwärmerischen Beziehung erzwungen hatten. Das Mädchen unter dem Baum, in dessen Rinde die Initialen des fernen Geliebten zu sehen sind - es ist eine Skizze der Entsagung. Im Katalog zur Ausstellung beleuchten diverse Aufsätze, wie sehr Barlachs erste Liebe und vor allem seine so symbiotische wie problematische Mutterbeziehung sein Frauenbild prägten.

Nach eigenem Zeugnis schätzte Barlach das Aktzeichnen nicht - auch wenn er in der Darstellung der menschlichen Anatomie hohe Meisterschaft erreichte. Nach den Schwab-Akten werden seine Frauendarstellungen immer unsinnlicher. Andrea Fromm: "Er hat versucht, Sexualität zu kompensieren." Erst in seiner Spätphase, als er in der Künstlerin Marga Böhmer nicht nur eine Geliebte, sondern eine Gefährtin findet, klingt wieder Sinnlichkeit in seinen Skizzen an. Verhängnisvolle "Weiber" - Barlachs Wortwahl, er rechnete die "Atelier-Liebe" auch nicht als richtige Liebe - finden sich aber nicht mehr, es herrscht ein spiritueller Frauentypus.

Nebeneffekt der eindrücklichen Schau: Sie lässt die stilistische Entwicklung Barlachs sehen, vom Künstler auf der Suche nach dem eigenen Ausdruck zu dem einen Unverwechselbaren, dessen blockhafte, in sich ruhende Plastiken jedem gegenwärtig sind. Kohle- und Kreidezeichnungen (1896) aus seinem Pariser Aufenthalt zeigen, wie ihn damals offenbar impressionistische Künstler beeinflusst haben. Wenige Jahre später zeichnet Barlach "Überredung" und "Frühlingswind" in reinem Jugendstil, ebenso den Lampenentwurf "Mondnacht" oder "Der Bildhauer vor seinem Werk" (1900) , und dieses Werk ist bezeichnenderweise eine riesige nackte Frau. Helga Thieme sagt es so: "Ernst Barlach war eben ein Künstler und ein Mann."

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von
erstellt am 27.Aug.2010 | 06:54 Uhr

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