Landkreis: Private Altpapiersammlung hat Folgen für die Müllgebühren

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18. April 2008, 07:33 Uhr

Parchim - Parchim streitet. Objekt erzürnter Debatten sind blaue Plastikbehälter, die scheinbar über Nacht vom Himmel gefallen sind. Private Entsorgungsfirmen haben offenbar entdeckt, dass sich mit dem Einsammeln von Altpapier Geld verdienen lässt.

„Im Jahr 2005 haben wir einen Erlös von 40 Euro pro Gewichtstonne erzielt, momentan sind es rund 100 Euro“, rechnet Gangolf Hergert, Sachbereichsleiter Abfallentsorgung in der Kreisverwaltung Parchim, vor. Seit drei Jahren hat der Landkreis Entsorgung und Verwertung getrennt. Die Erlöse aus dem Altpapiergeschäft drücken also auch die Müllgebühren.

Insgesamt 680 000 Euro haben die Bürger des Landkreises auf diese Weise gespart. Hat die Altpapierentsorgung 2004 noch 520 000 Euro gekostet, spülte sie 2007 schon 160 000 Euro abzüglich aller Kosten in die Kasse. Mit anderen Worten: Der Gebührenhaushalt ist um 680 000 Euro entlastet worden. Das funktioniert natürlich nur mit dem öffentlichen Containersammelsystem.

Das Altpapier in den jetzt aufgestellten Haushalts-Tonnen geht einen anderen Weg. Wer die blaue Tonne auf seinem Grundstück nutzt, muss nichts dafür zahlen. Die Entsorgungsfirmen übernehmen die Abfuhr, streichen aber auch den Gewinn ein. Das kritisiert die Kreisverwaltung als Eingriff in ein bestehendes System und schließt aus diesem Grund künftige Gebührenerhöhungen nicht aus, sollte ein Teil der Einnahmen fehlen.

Der Parchimer Tonnenstreit hat sein Pendant mittlerweile im ganzen Bundesgebiet. Allerdings sind die Varianten ebenso zahlreich wie die Tonnenform. Leipzig zum Beispiel hat bereits 2004 den Bürgern Tonnen vor die Türen gestellt – mit positiven Erfahrungen. Zuerst sollten nur die Wertstoffinseln verschwinden. Was manche Bewohner des Landkreises beklagen, störte auch die Sachsen, nämlich vermüllte Plätze.

Mittlerweile gehen in Leipzig sogar Anfragen aus Hamburg ein. Im Landkreis Löbau-Zittau haben die Bürger ebenfalls Tonnen von der Verwaltung bekommen. Auch der Landkreis Emsland wollte eigene Tonnen vor jede Haustür stellen, zog aber zurück, weil die private Konkurrenz die Region mit ihren Behältern überschwemmte.

Genau das ist auch das Parchimer Argument. „Wir haben auch überlegt, blaue Tonnen zu verteilen“, sagt Gangolf Hergert von der Kreisverwaltung, „aber dann müssten wir es flächendeckend tun. Das heißt, wir müssten kräftig investieren – auf Risiko der Gebührenzahler, ohne zu wissen, dass es sich rechnet. Denn niemand garantiert uns die Einnahmen, wenn private Entsorger trotzdem ihre Tonnen verteilen“.

Das Iglusystem mit seinen 260 Stellplätzen bleibt auf jeden Fall erhalten, verspricht Hergert. Dass Bürger überfüllte Container beklagen, kann er nicht nachvollziehen, denn der Entsorgungsbetrieb werde nach eingesammelter Tonne bezahlt, habe also ein Interesse an der rechtzeitigen Leerung.

Um eine weitere Variante bereichert die Uckermark das Zerren ums Altpapier. Hier zahlt eine Firma den Bürgern fünf Cent pro Kilo.

Fakt ist, der Streit wird an Schärfe zunehmen. In Hamburg gingen sogar schon mit Knüppeln bewaffnete Kontrahenten vor den blauen Tonnen aufeinander los. Der Verbrauch an Altpapier wird weiter steigen, prophezeien Experten, entsprechend ziehen die Preise an. 2007 verbrauchten die Bundesbürger 15,75 Millionen Tonnen, so viel wie nie. Die Produktion von Recyclingpapier benötigt weniger Energie als die von herkömmlichem Papier, deshalb giert auch Asien danach. Zudem wächst der weltweite Papierhunger.

Weiterer Streit um den begehrten Stoff ist also vorprogrammiert.

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