Landarzt statt Bergdoktor

Mecklenburg-Vorpommern hat zu wenig Mediziner und Österreich zu wenig Arztstellen. Das Küstenland wirbt deshalb seit zwei Jahren um Klinikmitarbeiter oder Praxisnachfolger aus der Alpenrepublik. Gestern wurde eine Vereinbarung mit Österreich zur Kooperation im ärztlichen Bereich geschlossen – damit die Ausnahme zu einer Regel wird, von der beide Seiten profitieren können.

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02. Juni 2008, 10:16 Uhr

Schwerin/Grimmen - Nahe am Wasser sollte es sein. Das war Hashem Altelbani wichtig, als er nach seinem Studium in Wien eine Stelle für seine Facharztausbildung in Deutschland suchte. Mecklenburg-Vorpommern, das sich bei Jobbörsen für Ärzte in Österreich als Küstenland präsentiert, war für den gebürtigen Palästinenser deshalb erste Wahl. Eine Wahl, die er nicht bereut hat. Seit zwei Monaten arbeitet der 30-Jährige in der Chirurgie des DRK-Krankenhauses in Grimmen – und ist begeistert. „Junge Ärzte werden hier stärker gefordert, weil sie gebraucht werden. Dadurch kann ich in kürzerer Zeit viel mehr lernen als in Österreich“, sagt Altelbani. Mehr Arbeit, weniger Geld: Was andere Ärzte aus dem Land treibt, sieht er als Vorteil. „Wenn ich die Zeitersparnis bedenke, gleicht das den Gehaltsunterschied mehr als aus.“

160 offene Stellen in Krankenhäusern
Hintergrund: In Österreich dürfen Mediziner nach dem Studium nicht sofort arbeiten. Vor der Facharztausbildung kommt noch die so genannte dreijährige Turnus-Zeit zur allgemeinen Ausbildung. Und hierfür beträgt die Wartezeit wiederum teilweise länger als drei Jahre, weil es mehr Mediziner als freie Stellen gibt. „Insgesamt spare ich also rund sechs Jahre Zeit“, rechnet Hashem Altelbani vor, der in Mecklenburg-Vorpommern mit offenen Armen empfangen wurde. Denn hier ist die Situation genau umgekehrt: Die Krankenhäuser zählen derzeit rund 160 offene Stellen für Mediziner.
„Als die österreichische Ärztekammer begann, aktiv nach Stellen in anderen Ländern Ausschau zu halten, sind wir natürlich hellhörig geworden“, so Wolfgang Gagzow, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft in MV (KGMV). Seit zwei Jahren organisiert die KGMV deshalb Jobbörsen in Österreich. Bislang konnten dadurch 26 Ärzte gewonnen werden. Zahlreiche neue Bewerbungen lägen bereits vor.

Um den Wechsel so einfach und unbürokratisch wie möglich zu gestalten, haben Österreich und Mecklenburg-Vorpommern nun eine Vereinbarung zur Kooperation geschlossen. Dabei will das Nachbarland nicht nur Anstellungen in Kliniken, sondern auch Niederlassungen an der Ostseeküste propagieren, wie der Präsident der österreichischen Ärztekammer, Walter Dorner, gestern bei der Unterzeichnung der Vereinbarung in Schwerin betonte. Denn in Österreich gibt es auch mehr Allgemeinmediziner als Kassenplätze. Landarzt statt Bergdoktor – ein Angebot, das Landesgesundheitsminister Erwin Sellering (SPD) angesichts des drohenden Ärztemangels in MV nur allzu gern gegenzeichnete: „Ärzte aus Österreich sind in den Krankenhäusern unseres Landes und auch als niedergelassene Ärzte sehr willkommen“, sagte der Minister. So wäre es derzeit möglich, weitere 110 Hausärzte zuzulassen.

„Klassische Win-Win-Situation“
Nach Meinung des KGMV-Vorsitzenden Hanns-Diethard Voigt ist die Kooperation „ein wichtiger Impuls zur künftigen Sicherstellung der ärztlichen Versorgung im Land“. Peter Gschaider, der für die österreichische Ärztekammer auch Kooperationen mit anderen ostdeutschen Ländern auf den Weg gebracht hat, spricht von einer „klassischen Win-Win-Situation“.

Das gilt auch für das DRK Krankenhaus in Grimmen und Hashem Altelbani. „Ich bekomme hier eine sehr gute Ausbildung“, ist er überzeugt. Die Klinik kann nun mindestens drei Jahre mit ihm rechnen – und vielleicht auch länger. Altelbani kann sich durchaus vorstellen, nach seiner Ausbildung im Nordosten zu bleiben. „Ehrlich gesagt, vermisse ich Wien nicht“, sagt er. Zu viel Lärm, zu viele Leute, das sei nicht seine Welt. In Mecklenburg-Vorpommern hat er dagegen Ruhe – und ein Zuhause nah am Wasser.

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