Lageplan der Gemeinheiten

Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn: Auch MV ist mit roten Häuschen überzogen. Die Einträge, ob inhaltlich zutreffend oder nicht, verstoßen auch gegen den Datenschutz. Bild: rottenneighbor
Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn: Auch MV ist mit roten Häuschen überzogen. Die Einträge, ob inhaltlich zutreffend oder nicht, verstoßen auch gegen den Datenschutz. Bild: rottenneighbor

Es kann der frömmste nicht in Frieden leben... – erst recht nicht, wenn er im Internet weltweit am virtuellen Pranger steht. Auf einem amerikanischem Internetportal werden auch in MV Bürger von ihren Nachbarn öffentlich beleidigt und denunziert. Ein rechtswidriger Dienst, gegen den sich Betroffene dennoch kaum wehren können.

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06. August 2008, 09:16 Uhr

Rostock - Augenscheinlich sind es normale Wohnviertel. Doch hinter den Fassaden schmucker Einfamilienhäuser, historischer Altbauten und grauer „Platten“ wohnt das Böse: „Betrüger“, „Geldschneider“, „Drogendealer“. Mitten in Rostock oder Stralsund ebenso wie in kleinen vorpommerschen Dörfern. Das zumindest suggeriert die amerikanische Internetseite „rottenneighbor“, zu deutsch: mieser Nachbar. Auf dem Portal kann jeder seinen Nachbarn loben – oder mit virtuellem Dreck bewerfen. Ungeprüft, anonym.

Als der amerikanische Web-Designer Brant Walker 2007 in eine neue Bleibe zieht, fällt ihm Gestank aus der Nachbarwohnung auf. „Ich dachte, dass es einen Service geben muss, mit dem sich solch unangenehme Überraschungen verhindern lassen.“ Seine Gegenstrategie: Eine Internetseite, auf der jeder an den digitalen Pranger gestellt werden kann – als Entscheidungshilfe bei der Wohnungssuche. Hinter grünen Markierungen, die an die Hotels aus dem Gesellschaftsspiel Monopoly erinnern, wohnen nette Nachbarn. Hinter roten das vermeintlich Böse. Die Mehrheit der Einträge sieht rot. Auch in MV. Die Region – ein Lageplan zahlreicher Gemeinheiten.

Während die Verfasser der Einträge in der Regel anonym bleiben, können die zumeist ahnungslosen und namentlich genannten Verunglimpften über Luftbilder bis aufs Haus genau identifiziert werden. Grund: Der Seitenbetreiber Walker nutzt die Luftbilder von Google Map.

Die Internetseite ist in Deutschland „eklatant rechtswidrig“, sagt Prof. Dr. Thomas Hoeren, Juraprofessor an der Universität Münster. Dennoch: Die rechtliche Verfolgung ist äußerst schwierig. Hoeren befasst sich seit Jahren mit der komplizierten Rechtslage im Internet und macht in diesem Fall grundsätzlich vier Verantwortliche aus.

Allen voran derjenige, der die beleidigenden Einträge verfasst. Das Problem: Die Betreiber der Seite prüfen keine Identitäten. Die Wahrscheinlichkeit, aus dem Pool der Anonymität gefischt zu werden, ist gering. „Gelingt es aber, schlägt die volle Härte des Gesetzes zu“, so Hoeren.

„Einen Mittäter“ sieht der 47-Jährige zudem im Betreiber der Seite. Grundsätzlich kann ein amerikanisches Unternehmen vor ein deutsches Gericht gestellt werden. „Das Problem ist die Vollstreckbarkeit.“ In Amerika ist Meinungsfreiheit ein weit gefasstes Gut. Ist ein Urteil erstritten, werde dieses auf dem Dienstweg in die USA geschickt. „Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch, dass die amerikanischen Richter es nicht vollstrecken, weil es nach deren Auffassung gegen die amerikanische Verfassung verstößt.“

Nach deutscher Rechtsprechung ließen sich auch all jene in die Pflicht nehmen, die auf der Internetseite werben. „Wohl auch deshalb sind viele deutsche Werbeanbieter seit einigen Tagen nicht mehr auf der Seite vertreten“, mutmaßt Hoeren.

Und was ist mit dem Suchmaschinenanbieter Google, der das Kartenmaterial zur Verfügung stellt? „Deutsche Gerichte haben großen Respekt vor dem Unternehmen. Bisher wurden alle Haftungsansprüche gegen Google abgeschmettert.“

Der Internetsuchdienst selbst gibt sich zu „rottenneighbor“ sehr wortkarg: „Nutzern der Webseite wird ermöglicht, Informationen über gute und schlechte Nachbarschaften zu veröffentlichen. Das an sich verletzt die Nutzungsbedingungen der Google Maps nicht“, heißt es in einer allgemein verbreiteten Erklärung aus der Deutschlandzentrale in Hamburg. Fragen darüber hinaus bleiben unbeantwortet. Dabei wäre es ein Leichtes, dem Betreiber den Zugriff auf die Luftbilder zu verweigern, so Hoeren. Betroffenen bleibt kaum eine andere Handhabe, als auf der Flagge neben ihrem Eintrag beim Betreiber die Löschung der Beleidigungen zu beantragen. Hoeren spricht vom „Fluch des Internet.“

Virtuelle Pranger wie diese sind kein Einzelfall: Längst werden so auch intime Details schlechter Liebhaber veröffentlicht, aus Rache Computer-Inhalte von Ex-Geliebten ins Netz gestellt oder Lehrer beleidigt. Gesetzliche Gegenstrategien? Hoeren macht keine Hoffnung: „Im Gegenteil. Die amerikanische Verrohung der Internetkultur schwappt immer mehr nach Europa rüber.“

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