Krise sorgt für Boom in der Schattenwirtschaft

Die drohende Wirtschaftskrise lässt die Schwarzarbeit in Mecklenburg-Vorpommern wieder aufblühen: Die Schattenwirtschaft droht 2009 bundesweit nach Jahren des Rückgangs auf neue Höchststände zu klettern - um fünf auf 352 Milliarden Euro, so viel, wie seit 2004 nicht mehr. Besonders betroffen: Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit wie in MV und anderen neuen Bundesländern.

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01. Februar 2009, 06:25 Uhr

Schwerin | Rezessionsgefahr in den Unternehmen, Boomzeiten in der Schattenwirtschaft: Sechs Jahre lang waren Schwarzarbeiter auf dem Rückzug, beobachtete Prof. Friedrich Schneider von der Universität Linz und Bernhard Boockmann vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen. 2009 wird der Trend erstmals wieder gebrochen. Die Wirtschaftskrise führt in diesem Jahr zu einem Anstieg der Schattenwirtschaft, erwarten die beiden Wissenschaftler in ihrer jetzt vorgelegten neuesten Prognose. Zu spüren bekämen das vor allem Regionen mit einer hohen Arbeitslosigkeit, erklärte Boockmann. "Dort ist das Problem tendenziell größer." Ursache dafür sei unter anderem, dass insbesondere bei Arbeitslosen und Kurzarbeitern die Bereitschaft gestiegen sei, in der Schattenwirtschaft Einkommen zu erzielen, heißt es in der Studie. In ihrer Prog nose gehen die Experten von einem Rückgang der offiziellen Wirtschaft um ein bis zwei Prozent und einem Anstieg der Zahl der Arbeitslosen zwischen 500 000 und einer Million aus.

Auf Deutschland kommen Milliardenverluste zu: In diesem Jahr werde die Schwarzarbeit fast 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Mit prognostizierten 352 Milliarden Euro werden inzwischen 50 Milliarden Euro mehr am Fiskus vorbei erwirtschaftet als noch vor zehn Jahren. Die Nachfrage ist immens: Fast jeder fünfte Haushalt in Deutschland hat schon einmal jemanden schwarz beschäftigt, hat die Minijob-Zentrale der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahnsee ermittelt. Zwar bewerteten vier von fünf der Befragten die Beschäftigung illegaler Hilfen im Haushalt als Betrug am Steuerzahler. Doch nur jeder Fünfte hat auch ein schlechtes Gewissen. Der Umfrage zufolge würden am häufigsten Wohlhabende Hilfen im Haushalt schwarz beschäftigen. Ob am Bau, im Reinigungsgewerbe oder im Pflegedienst: "Die Mehrzahl der in privaten Haushalten arbeitenden Reinigungskräfte arbeiten schwarz", ist Boockmann überzeugt. Schwarzarbeits-Experte Schneider zufolge lassen sich bundesweit bis zu zehn Millionen Menschen steuerfrei bezahlen. Die meisten verdienten sich in der Freizeit etwas dazu, im Schnitt zwischen 300 und 400 Euro monatlich.

Reduzierter Steuersatz für HandwerkerleistungenDas Problem bekommt Deutschland seit Jahren nicht in den Griff. Die Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung von 3,3 auf 2,8 Prozent und die Erhöhung der steuerlichen Absetzbarkeit von privaten Haushaltsaufwendungen von 600 auf 1200 pro Jahr senkten zwar das Volumen der Schwarzarbeit um vier bis sechs Milliarden Euro, heißt es in der Schneider/Boockmann-Studie. Die Einführung eines einheitlichen Beitragssatzes zur Krankenversicherung von 15,5 Prozent steigere die Schattenwirtschaft hingegen wieder um 500 bis 800 Millionen Euro, rechnen die Experten vor. Mit der Erhöhung der Absetzbarkeit und der Einführung von Mini-Jobs gehe die Politik zwar in die richtige Richtung, meinte Boockmann. Um Schwarzarbeit zu bekämpfen müssten Handwerkerrechnungen aber noch in weit höherem Maße absetzbar sein, forderte er.

Edgar Hummelsheim, Chef der Handwerkskammer Schwerin, warnte indes vor zu hohen Erwartungen vor allem im einkommensschwachen Mecklenburg-Vorpommern. Die Absetzbarkeit des Arbeitslohns auf Handwerkerrechnungen sei zwar eine richtige Entscheidung, nütze aber nur etwas, wenn bei entsprechendem Einkommensniveau zuvor Steuern bezahlt worden seien. "Das hat in München eine andere Relevanz als in Vorpommern." Nutzbringender wäre die Einführung des reduzierten Steuersatzes für Handwerkerleistungen, erklärte Hummelsheim. Das hätten Modellprojekte in Europa ergeben. "Davon hätten alle etwas."

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