Krieg im Kaukasus und erste Verhandlungsbemühungen - Tausende Tote

Brennender georgischer Panzer: Die Lage in Südossetien eskaliert. Foto: AFP
Brennender georgischer Panzer: Die Lage in Südossetien eskaliert. Foto: AFP

Blutiger Konflikt mit tausenden Toten im Südkaukasus: Georgien marschierte am Freitag mit Kampfjets und Panzern in die abtrünnige Region Südossetien – 1400 Menschen starben oder wurden verletzt. Der Konflikt eskaliert: Russische Kampfflugzeuge griffen in der Nacht Ziele nahe der georgischen Hauptstadt Tiflis an. Nach russischen Angaben nahm die georgische Artillerie erneut die südossetische Hauptstadt Zchinwali unter Beschuss. Angesichts der Lage kündigte Georgien die baldige Verhängung des Kriegsrechts an. Im UN-Sicherheitsrat in New York widersetzte sich Russland der internationalen Forderung nach einer Waffenruhe. Unterdessen hat der georgische Präsident Michail Saakaschwili das Kriegsrecht ausgerufen. Mittlerweile strebt Moskau nach Angaben des CDU-Europaparlamentariers Elmar Brok bilaterale Verhandlungen mit Georgien an.

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09. August 2008, 01:58 Uhr

Moskau/Tiflis - Georgiens Großoffensive erreicht kriegsähnliche Ausmaße. Bei den Kämpfen seien 1400 Menschen ums Leben gekommen, sagte der Präsident der nicht anerkannten Region, Eduard Kokojty. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali sagte: „Alles brennt, vieles ist verstört.“ Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf forderte freien Zugang zu den Verletzten in Südossetien. „Hilfstruppen kommen derzeit kaum zu den Opfern durch, und verängstigte Menschen verkriechen sich in ihren Kellern, teils ohne Wasser und Strom“, berichtete der Chef der Rotkreuz-Delegation in Tiflis, Dominique Liengme.

Im eskalierenden Konflikt um die von Georgien abtrünnige Region Südossetien hat der georgische Präsident Michail Saakaschwili das Kriegsrecht ausgerufen. Zuvor hatten russische Streitkräfte laut Tifliser Medien unter anderem die georgische Hafenstadt Poti mit Bombenangriffen zerstört. Der russische Präsident Dmitri Medwedew verteidigte am Samstag die schweren Militärschläge. Die russischen Soldaten hätten die Aufgabe, auf georgischer Seite für Frieden zu sorgen. „Sie haben die Verantwortung, unsere Bevölkerung zu schützen. Mit alledem befassen wir uns jetzt“, sagte Medwedew der Agentur Interfax zufolge.

Im Südkaukasus mehrten sich Berichte, dass der am Freitag begonnene Krieg bereits jetzt zu einer humanitären Katastrophe geführt habe. In Südossetien und Georgien seien mehrere hundert Gebäude in Schutt und Asche gelegt worden. Zehntausende Menschen aus Südossetien seien ins benachbarte Russland geflüchtet. Die südossetische Regierung gab die Zahl der Toten am Samstag mit 1600 an. Auch auf georgischer Seite gab es Medien zufolge viele Tote. Unabhängige Angaben lagen allerdings nicht vor.

EU-Politiker Brok (CDU): Moskau will Verhandlungen mit Tiflis

Mittlerweile strebt Moskau nach Angaben des CDU-Europaparlamentariers Elmar Brok bilaterale Verhandlungen mit Georgien an. Bedingung sei, dass beide Seiten ihre Truppen wieder abzögen und ein Waffenstillstand vereinbart werde, sagte Brok am Samstag der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. Russland und Georgien werfen sich nach seinen Worten gegenseitig vor, überreagiert zu haben. Er berief sich auf höchste Quellen in Moskau und Tiflis, die ihn angerufen hätten. Georgien hoffe stark auf eine deutsche Vermittlung in dem Konflikt, weil nach georgischer Auffassung Berlin in Moskau ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit habe, betonte Brok.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow beschuldigte Georgien, mindestens 15 Friedenssoldaten in Südossetien getötet und Dutzende verletzt zu haben. Ohne die USA direkt zu nennen, warf Lawrow dem Westen vor, Saakaschwili in den vergangenen Jahren bei der Militarisierung seines Landes unnötig unterstützt zu haben. Russische Militärs bestätigten am Samstag den Abschuss von zwei eigenen Kampfflugzeugen durch georgische Streitkräfte.

Beobachter befürchten, dass sich der Krieg in Südossetien zu einem Flächenbrand im Südkaukasus ausbreiten könnte. Georgien hatte am Freitag den Abzug von 1000 eigenen Elitesoldaten aus dem Irak bekanntgegeben. Die ebenfalls von Georgien abtrünnige Region Abchasien warnte Tiflis vor einer weiteren Militarisierung an seinen Grenzen. „Ich bin sicher, er (Saakaschwili) wird wieder eine Niederlage erleiden“, sagte Lawrow angesichts der letzten schweren Auseinandersetzungen mit vielen Toten in der Region im Jahr 2004.

Moskau wies Darstellungen zurück, es handele sich bei dem Südossetien-Konflikt um einen Krieg zwischen Russland und Georgien. Der Außenminister sieht Russlands Position als „Beschützer“ Südossetiens. 90 Prozent der Einwohner dort haben russische Pässe. Südossetien verlangt nach dem Vorbild des Kosovos eine international anerkannte Unabhängigkeit, um sich anschließend freiwillig mit der russischen Teilrepublik Nordossetien zu vereinigen. Völkerrechtlich gehört die Bergregion aber zu Georgien, das seinen Anspruch nun mit militärischen Mitteln geltend macht.

Der georgische Präsident Michail Saakaschwili hatte die Offensive gegen die Region mit der Wahrung der territorialen Unversehrtheit seines Landes begründet und die allgemeine Mobilmachung im Land angeordnet. Das russische Fernsehen zeigte den ganzen Tag das Feuer von Raketenwerfern, in Zchinwali gingen Menschen in ihren Kellern in Deckung. Georgien erhebt seit langem den völkerrechtlich verankerten Anspruch auf die Region. „In Zchinwali sind hunderte friedliche Bewohner gestorben. Das ist bereits der dritte Völkermord an dem ossetischen Volk, der von Georgien verübt wurde“, sagte Kokojty.

Russland verstärkt Truppen in der Region
Nach dem Einmarsch Georgiens verstärkt indes Russland seine Truppen in der Region. „Wir werden den Tod unserer Landsleute nicht ungesühnt lassen. Die Schuldigen werden gebührend bestraft“, sagte der russische Präsident Dmitri Medwedew. Moskau werde „Leben und Würde der russischen Bürger schützen, wo auch immer sie leben“, unterstrich Medwedew. Indes bot Abchasien Südossetien Militärhilfe an.

In Südossetien hatte in den vergangenen Tagen tausende Menschen in benachbarte russische Regionen in Sicherheit gebracht, unter ihnen hunderte Kinder. In der Region nahe der südossetischen Hauptstadt kamen bei den schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren in den vergangenen Tagen viele Menschen ums Leben.

Der Konflikt könnte sich noch ausweiten. Georgien will 1000 Elitesoldaten aus dem Irak abziehen. Das russische Verkehrsministerium kündigte an, alle Flüge nach Georgien einzustellen. Auch die Lufthansa strich ihren nächsten Flug nach Georgien. Österreich gab eine Reisewarnung für das gesamte Gebiet Georgiens heraus. Die Börse in Moskau erlebte am Freitag einen Kurssturz. Aus Angst, Russland könne in einen großen Kaukasus-Krieg verwickelt werden, hätten zahlreiche Investoren ihre Aktien abgestoßen, hieß es in der russischen Hauptstadt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Vertreter der Nato und der EU riefen die Konfliktparteien zum Ende des Blutvergießens auf.

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