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Wangelin: Diskussion über moderne Praktiken in der Landwirtschaft : "Krieg auf dem Dorf muss aufhören"

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Irgendwann sah Ey, Referentin für Tierhaltung im Landesbauernverband, keine andere Möglichkeit mehr, als folgende Worte ins Spiel zu bringen: "Noch suche ich mir aus, von wem ich beleidigt werde."

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erstellt am 01.Jun.2011 | 10:35 Uhr

Die Frage "Kommen Sie aus Deutschland?" eines Besuchers und allgemeines Gelächter erntete Silvia Ey, Referentin für Tierhaltung im Landesbauernverband, am Montagabend auf ihre Äußerung, dass auch im landwirtschaftlichen Bereich Gesetze vor Inkrafttreten ebenfalls im Sinne von Kritikern "genau geprüft" werden und alle in einem Rechtsstaat leben. Zu vergleichbaren Situationen kam es bei Redebeiträgen mehrerer Podiumsmitglieder. Irgendwann sah zum Beispiel Silvia Ey keine andere Möglichkeit mehr, als folgende Worte ins Spiel zu bringen: "Noch suche ich mir aus, von wem ich beleidigt werde." Fortschritt könne es nur geben, wenn man miteinander redet, Argumente austauscht und nicht übereinander herfällt.

Vom Gegenteil zeichnete sich über weite Strecken angesichts sehr gereizter Stimmung eine vom Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen organisierte Veranstaltung im Wangeliner Garten aus, an der neben Ey auch Gabriele von Fuchs von der Bürgerinitiative gegen Broilermastanlagen in Gallin-Kuppentin, der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Friedrich Ostendorff, Bio-Landwirt Dirk Saggau, Onno Andresen, Betriebsberater für landwirtschaftliche Betriebe, und Dr. Jürgen Buchwald, Abteilungsleiter Landwirtschaft/Agrarstruktur im Schweriner Landwirtschaftsministerium, teilnahmen. Motto: "Bauernhöfe statt Agrarfabriken".

Vor einer Woche - so Gabriele von Fuchs - sei die Erweiterung der einen Mastanlage in ihrer Heimatgemeinde um gut 100 000 Tiere genehmigt worden. Angesichts der im Raum stehenden Planung, derzufolge eine weitere Anlage für 300 000 Hähnchen errichtet werden soll (wir berichteten), stehe die Zukunft der nur 500 Einwohner zählenden Kommune auf dem Spiel: "Unsere frühere Annahme, Rechtsstaat beinhaltet, dass die Meinung des Einzelnen etwas zählt, haben wir tief begraben. Von denjenigen, die Gesetze und Vorschriften ausarbeiten, verlangt man ein mehrjähriges Studium, das sie befähigt. Wir hingegen haben Glück, wenn wir die fürvier Wochen öffentlich ausliegenden Unterlagen bekommen und dann in kürzester Zeit zwei dicke Ordner durcharbeiten müssen, um eine Stellungnahme zu formulieren. Es ist gewollt, dass der Bürger kein demokratisches Mitspracherecht mehr hat. Das ist Hohn, blanker Zynismus!"

Einzelne Anlagen, so Dr. Buchwald, genehmige nicht das Landwirtschafts-, sondern das Wirtschaftsministerium, wenngleich beide miteinander in Verbindung stehen. Fördermittel bekomme nicht derjenige, der die höchste Pacht zahlt, sondern wer am meisten investiere, für die "höchste Wertschöpfung in der Region" sorge. "Ganz vorn liegen zum Beispiel der Anbau von Gemüse und die Zahl geschaffener Arbeitsplätze", so der Abteilungsleiter. "Letztlich entscheidet aber der Landwirt, welche Richtung er einschlägt."

Ostendorff bezeichnete Till Backhaus als "einen der quirligsten Landwirtschaftsminister" in Deutschland und nannte das von ihm vertretene Leitbild "nicht falsch", doch es könne mit Tourismuszielen kollidieren. Einer exportorientierten Landwirtschaft müsse man eine Absage erteilen: "Wir können nicht auf Dauer billiger sein als alle anderen. Somit wird es auch keine Kostenführerschaft unserer Hähnchen geben. Auf jeden Fall muss der Krieg auf dem Dorf aufhören!" Ökologie und Landwirtschaft müssten nebeneinander existieren können. Dem entgegnen die Kritiker, dass "Agrarfabriken" nichts mehr mit herkömmlicher Landwirtschaft zu tun haben. "Wir brauchen Landwirtschaft, aber nicht die, die unsere Lebensgrundlage zerstört", sagt zum Beispiel Einwohner Paul Beck. "Massentierhaltung ist ein Herd für Krankheitserreger, die man nur mit Medikamenten behandeln kann. Da sind neue Krankheiten kein Wunder. Wir werden durch eine Mafia kaputtgespielt und in zehn oder 20 Jahren wächst auf unseren Äckern nichts mehr."

Der Landesbauernverband vertrete über seine Mitglieder Ey zufolge 70 Prozent der ökologisch wie konventionell bewirtschafteten Flächen. Jeder Landwirt müsse nicht nur deutsche, sondern auch europäische Gesetze beachten, wobei die einheimischen strenger als die anderer Länder seien: "So, wie Sie niemandem unterstellen, dass er bei Rot über die Kreuzung fährt, können Sie nicht sagen, dass bei uns Gesetze nicht eingehalten werden. Zudem ist der Tierschutz im Grundgesetz verankert."

Letzteres veranlasste einen Besucher zu der wütenden Aussage, dass in jedem Jahr hunderttausende Broiler vor der Schlachtung im Stall verenden und "wie Dreck beiseite geschoben" werden, was jedoch niemand erwähne: "Das ist der Tierschutz, Frau Ey! Und es ist alles irrelevant, was der Bürger will. Es sind Gesetze, zu denen Menschen nicht befragt werden. Dass Herr Backhaus gentechnisch veränderte Pflanzen nicht mehr als die für die Ernährung sichersten bezeichnet, ist ein Fortschritt. Dafür fördert er jetzt Maiswüsten für den Betrieb von Biogasanlagen - tolle Lebensqualität!"

Allseitig Anerkennung fand die durch Saggau vertretene Öko-Landwirtschaft. Er beklagte die noch oft geringe Akzeptanz von herkömmlich wirtschaftenden Kollegen, was sich langsam bessere, doch oft werde die Alternative, von der man durchaus leben könne, schnell "im Dorf verrissen". Dr. Buchwald zufolge sei der Anteil an ökologisch betriebener Landwirtschaft mit zehn Prozent in Mecklenburg-Vorpommern viel höher als in anderen Bundesländern, was auch dem in Schwerin dafür aufgelegten Förderprogramm mit einem Volumen von 15 Millionen Euro zu verdanken sei.

Während ein Tierhalter den juristisch verankerten Tierschutz hoch bewerte, erscheine er dem Bürger oft nicht hoch genug, meint Sibille Ey. Zu den Besuchern sagte sie: "Das emotionale Empfinden ist bei jedem anders, aber auch die Vorschriften waren noch vor 20 Jahren deutlich andere. Dass es sich verändert hat, haben auch Menschen wie Sie durch ihren Einsatz bewirkt."

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