Kraniche flogen in tödliche Falle

Sie waren jung und gerieten in Panik – eine Gruppe von Kranichen. Aufgescheucht von einem Seeadler flogen fünf von ihnen in eine Stromleitung – eine tödliche Falle.

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30. Mai 2008, 05:55 Uhr

Prignitz/Dargardt - So einen massiven Vorfall wie in dieser Woche hatten wir in der Prignitz noch nicht“, sagt Herbert Schulz, ehrenamtlicher Ornithologe, nachdem ihn ein Anrufer informiert hatte. Immer wieder mal fliege ein Großvogel gegen eine Freileitung, aber dies sei eine kleine Tragödie.

Windturbulenzen oder eine Flucht hält Schulz für eine mögliche Ursache. Rund 70 Tiere sollen sich in der Kranichgruppe bei Dargardt in der Gemeinde Karstädt befunden haben. Der Ornithologe plädiert für Markierungen an den Stromleitungen. Vögel könnte diese erkennen und entsprechend ausweichen.

Schulz meldete den Vorfall der unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis. Den nahe liegenden Schluss, die Vögel seien an einem Stromschlag gestorben, teilt Mitarbeiter Marcus Pankow nicht: „Die Kraniche wiesen Flügel- und Beinbrüche auf“, sagt er. Dafür hat Pankow auch eine Erklärung parat. „Eine ,Junggesellen-Gruppe’ von Kraniche suchte auf der Wiese nach Nahrung, als eine Seeadler sie aufscheuchte“, schildert er sein Szenario.

Dabei seien die Vögel derart in Panik geraten, dass sie wegfliegen wollten. Einige von ihnen hätten den starken Anstieg nicht geschafft und prallten direkt gegen die Leitungen. Während er am Dienstag vier der Kraniche auf der Wiese fand, entdeckte er einen Tag später das fünfte Tier, das vom Seeadler tatsächlich angefressen war. Generell seien Kraniche ziemlich wehrhafte Tiere und ließen sich nicht so leicht von einem Seeadler beeindrucken, sagt er.

Dass Kraniche – beziehungsweise Großvogelarten wie Weißstörche – gegen Oberleitungen fliegen, komme immer wieder vor, so Marcus Pankow. Im ganzen Landkreis, darunter auch im Bereich der Elbtalaue und der Stepenitz, stehen Hoch- und Mittelspannungsleitungen. „Die Vögel setzen sich meist auf die Isolatoren an den Quermasten“, schildert Pankow. Wenn sie dann mit ihren Flügeln schlagen, erzeugen sie einen Kurzschluss und bekommen einen Stromschlag. 2006 seien beispielsweise drei Weißstörche in Lüchow auf einen Mittelspannungsmast geflogen, hätten dort einen Kurzschluss verursacht und lagen dann tot auf der Erde.

Meist sind es Jungtiere, die auf die Masten oder gegen die Leitungen fliegen. „Sie sind noch unerfahren und können die Gefahr nicht richtig einschätzen, die von Bauwerken der Zivilisation ausgeht“, erläutert der Fachmann. Zudem erkennen sie bei schlechter Sicht, beispielsweise in der Abenddämmerung oder bei Nebel, die Mittelspannungsmasten nur sehr schwer.

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