Kontrast von links

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14. Oktober 2008, 07:43 Uhr

Berlin - „Ich habe einen Fehler“, sagt Peter Sodann und macht eine kurze Kunstpause: „Ich kann nicht Nein sagen.“ Tatsächlich hat er Ja gesagt, als er gefragt wurde: Der 72-jährige, einem Millionenpublikum bekannt als inzwischen pensionierter Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher, will Bundespräsident werden. Als Kandidat der Linkspartei will er am 23. Mai 2009 gegen Amtsinhaber Horst Köhler und SPD-Kandidatin Gesine Schwan antreten.

Selbstironisch, launig und ein wenig verschroben präsentiert sich Sodann gestern im Reichstag. Die Nominierung nach mehreren vergeblichen Anläufen bei der Kandidatensuche sollte ein Coup sein: Der Schauspieler und Kabarettist, der zu DDR-Zeiten ins Visier der Stasi geriet und in den Sechzigerjahren wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt wurde, als Kontrastprogramm zu Köhler und Schwan.

Nicht den Hauch einer Chance
Tatsächlich kommt die Personalie so überraschend nicht: Mehrere Kandidatinnen hatten Oskar Lafontaine abgesagt. Sodann, der zuletzt mit Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm durch die Kabarettsäle der Republik tourte, ist ohnehin Stammgast bei Parteitagen und Fraktionsfesten der Linken. „Ob ich das werde“, das sei „ein weites Feld“, antwortet er, angesprochen auf seine Chancen, tatsächlich Bundespräsident zu werden: „Ganz dämlich bin ich auch nicht.“
Er weiß, dass er nicht den Hauch einer Chance hat, in Schloss Bellevue einzuziehen. Und dass die Linke ihn womöglich vor dem dritten Wahlgang, in dem die relative Mehrheit den Ausschlag gibt, als Kandidaten zurückziehen wird, um dann Gesine Schwan zu unterstützen. Wie auch immer: Geschmeichelt fühlt er sich offenbar schon, von Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und Lothar Bisky überhaupt gefragt worden zu sein. Neben dem Linken-Trio steht er vor den Kameras. Die Aufmerksamkeit, den Rummel um seine Person, genießt er sichtlich. Sodann zitiert er Goethe, Brecht und Heine, um seine Kandidatur zu begründen, nimmt Banker, den Papst und den Politikbetrieb aufs Korn. „Mein Herz hat immer links geschlagen“, erklärt Sodann. Und die Abgeordneten der Linksfraktion wählen den Ehrenkommissar der Polizeidirektion Halle/Saale zu ihrem Kandidaten – per Akklamation. Von „Visionen“ spricht Sodann und von einem „kleinen Linksruck“, der in der Gesellschaft nötig sei. Oskar Lafontaine verfolgt das mit einem Schmunzeln.

Kandidatenchaos bei den Linken

Beendet ist nun das Hin und Her der letzten Monate: Erst hatte es so ausgesehen, als wolle die Linke Gesine Schwan unterstützen. Dann hieß es, die Landtagswahl in Bayern solle abgewartet werden. Schließlich wurde über ein Geheimtreffen zwischen Schwan und Gysi berichtet, aber auch über die Autorinnen Christa Wolf und Daniela Dahn als Köhler-Herausforderinnen spekuliert – das Kandidaten-Chaos bei der Linken hätte kaum größer sein können.

Sodann selbst dürfte auch noch für Überraschungen gut sein. Bei der Linken erinnert man sich noch daran, dass der Hallenser bei der Bundestagswahl 2005 als Spitzenkandidat für die sächsische Landesliste präsentiert wurde – dann aber einen Rückzieher machte, als ihm beim MDR das Aus als Tatort-Kommissar drohte. „Wenn ein Volk keine Utopie mehr hat, dann ist es wohl tot“, bekannte Sodann gestern vor den Kameras. „Hat’s Ihnen gefallen?“, fragt Sodann. „Sie können mich ja wählen.“ Und man weiß nicht, ob er’s ernst meint.

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