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Am 60. Geburtstag blickt Wolfgang Niedecken zurück auf BAP : "Kölsch ist meine Gefühlssprache"

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Wolfgang Niedecken ist Kölner, genauer gesagt, Niedecken ist die Kölner Südstadt und das Leben des Rockers und Frontmanns der Erfolgsband BAP kreist um das Severins-Viertel.

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erstellt am 30.Mär.2011 | 12:51 Uhr

Wolfgang Niedecken ist Kölner, genauer gesagt, Niedecken ist die Kölner Südstadt und noch genauer gesagt: Das Leben des Kölsch-Rockers und Frontmanns der Erfolgsband BAP kreist um das Severins-Viertel. Und dorthin blickt er zurück in seiner Autobiografie, die pünktlich zu seinem heutigen 60. Geburtstag erschienen ist. "Für ne Moment", der ganze 528 Seiten lang ist, blickt er auf seine Anfänge am Chlodwigplatz im Kölner Süden, seine Mutter und den sparsamen Händler, der dort einen Lebensmittelladen betrieb - und die künstlerischen Ambitionen seines Sohnes Wolfgang nie verstand und schon gar nicht billigte, aber dennoch dessen Erfolgs-Rockband den Namen gab: Sein Vater, sein "Bapp". Weil sich das zweite "P" auf der Bass-Drum nicht gut machte, wurde aus "BAPP" einfach BAP.

Erstaunlicherweise ist das Buch auf Hochdeutsch geschrieben, mit Hilfe des Sprachwissenschaftlers Oliver Kobold, der Niedecken beim Verfassen des Buches in der "Fremdsprache" half. Dagegen bleibt der Kölsch-Rocker beim Soundtrack zum Buch, der gerade erscheinenden CD "Half su wild", konsequent beim rheinischen Dialekt. "Kölsch ist meine Gefühlssprache, ich glaube auch, dass ich Kölsch träume. Ich kann zum Beispiel nicht Hochdeutsch schimpfen", bekennt sich Niedecken immer noch trotzig zu seiner "Sprooch".

Und so singt er auch noch nach 35 Jahren in seiner Muttersprache, rockige Heimatballaden über den Chlodwigplatz - sein "kleines gallisches Dorf", in dem in einem Umkreis von nur 800 Metern alle wichtigen Stationen seines Lebens liegen. Über die Lehren des Karnevals und die bei höheren Semestern weit verbreitete Erkenntnis, dass es im Leben halt immer weitergeht: "Halv su wild". Fest darauf vertrauend, dass ihm auch die Fans die Treue halten, die sich die Texte mühsam übersetzen müssen: "Diese Sprache gehört zu BAP, die verbindet man mit BAP, ich kann in dieser Sprache bessere Texte schreiben als in Hochdeutsch - wir machen uns doch austauschbar wenn wir das ändern."

Ausgetauscht hat er da vor Jahren lieber die komplette Besetzung, als Gitarrist Klaus "Major" Heuser von Kölsch-Rock wenigstens auf Deutsch-Rock umschwenken wollte. Schließlich erreichten trotz Kölsch von bislang 16 BAP-Studioalben zehn Platz 1 in den Charts - das macht selbstbewusst.


In erster Linie ein Rock Roller

Ansonsten räumt Niedecken aber mit den Erwartungen an BAP auf: "Ich habe immer nur darüber gesungen, was mich gerade bewegt hat." So sei BAP trotz Anti-Pershing-Konzerten und dem Anti-Rassismus-Song "Arsch huh, Zäng ussenander" (Arsch hoch, Zähne auseinander) aus Sicht von Niedecken nie eine Polit-Rockband gewesen. Damals wie heute begreift er sich in erster Linie als Rock n Roller, seine Vorbilder heißen Bob Dylan, Stones, Beatles und The Kinks, mit Bruce Springsteen ist er persönlich befreundet.

"Für ne Moment" ist ein Lesebuch für Fans, das nicht nur von Niedecken erzählt, sondern auch viel über die Menschen, denen er begegnet ist: So spielten etwa Heinrich Böll und Joseph Beuys für den Bildenden Künstler Niedecken eine entscheidende Rolle. Er erzählt von seinem Engagement als Botschafter der Hilfsaktion "Gemeinsam für Afrika".

Auch der Missbrauch, den er als Zögling in einem katholischen Internat erlebte, kommt zur Sprache und damit auch das Verhältnis des Ur-Kölners zur dort alles beherrschenden katholischen Kirche. Rache und Vergeltung sind Niedeckens Ding nicht, im Interview sagt er nur so viel: "Das Anmaßendste an dem ganzen katholischen Apparat ist, dass ein Mensch dem anderen im Auftrag Gottes Sünden vergeben kann. Was da an Schindluder mit getrieben worden ist im Laufe der Jahrhunderte, das ist unglaublich! Ich habe da selbst drunter gelitten und das hat mich im Endeffekt auch da rausgezogen."

Seinen Kölner Wurzeln bleibt Niedecken aber bei "Halv su wild" treu, auch wenn er dem Nachwuchs seinen Weg nicht mehr empfehlen möchte. Denn Dialekte sterben aus, meint Niedecken - und es gebe ja auch kaum noch Kölner "Native-Speaker": "Wenn heute junge Bands versuchen, Kölsch zu singen, bin ich leider sehr oft geneigt zu sagen: Jungs, macht es besser auf Hochdeutsch!"

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