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21. August 2017 | 01:19 Uhr

Kniend aus dem Fenster schauen

vom

Mödlich | Die Politik wird nicht müde zu betonen, wie wichtig es ihr sei, junge Leute in Brandenburg und speziell in ländlichen Gebieten wie der Prignitz zu halten. Sogar Förderprogramme gibt es, die speziell auf junge Familien zugeschnitten sind. Dass diese mitunter realitätsfern sind und das gut gemeinte Ansinnen ins Gegenteil verkehren, weiß Jan Dreßler zu erzählen.

Im "Prignitzer" las er vor einem Jahr von einem Förderprogramm: Bleibt eine junge Familie in der Prignitz, kann sich das finanziell auszahlen - zumindest außerhalb der drei größeren Städte: Für die Sanierung ortsbildprägender Bausubstanz stehen Fördermittel der EU und vom Land zur Verfügung. Prima, dachte der Mödlicher. Er und seine Partnerin sind jünger als 45 Jahre, wollten in Mödlich direkt gegenüber der Fischerkate ein Haus umbauen. Jan Dreßler ist Koch und Juniorchef in dem Restaurant, werde es eines Tages von seinen Eltern übernehmen. "Da bot es sich an, in direkter Nachbarschaft zu wohnen und dieses Förderprogramm passt wie die Faust aufs Auge", sagt er.

Rund 300 000 Euro sollte der Umbau der ehemaligen Lindengaststätte kosten. Die erste Hürde im Antrag um Fördermittel nahm Jan Dreßler. Der Regionalförderverein und die Lokale Aktionsgruppe "Storchenland Prignitz" stimmten dem Vorhaben zu und leiteten dieses Votum an das Landesamt für Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Neuruppin weiter.

Am 21. April die Absage. "Der vorliegende Entwurf der Umbauplanung der ehemaligen Gaststätte wird den für eine Förderung geltenden Maßgaben leider nicht gerecht", heißt es in der Begründung. "Ohne ein persönliches Gespräch, ohne auch nur einmal hier gewesen zu sein, lehnte die Sachbearbeiterin ab", so Dreßler. Ja, sie habe nicht einmal einen Termin vorgeschlagen, um mit dem Antragsteller nach einem Kompromiss zu suchen.

Das tat Familie Dreßler. Es gelang, die Sachbearbeiterin nach Mödlich zu holen. "Auf den geplanten Balkon verzichtete ich", sagt Jan Dreßler. Bei der steilen Innentreppe habe die Frau Einsehen gezeigt und akzeptiert, dass diese wohl wirklich verändert werden müsse. Punkt für Punkt der behördlichen Einwendungen hätten sie besprochen. Er habe wirklich viele Kompromisse gemacht, "aber bei den Fenstern war Schluss".

Die kleinen Fenster im Obergeschoss sollten unverändert bleiben, nebst Dachüberständen. "Das ist die Südseite, dort sollte der Wohnbereich entstehen, dort wollten wir Licht haben." Doch nicht nur die fehlende Helligkeit störte das junge Paar: "In dieser Bauweise hätten wir kniend aus den Fenstern schauen müssen. Inakzeptabel", laute Dreßlers Urteil.

Das Argument, mit der geplanten Bauweise zu sehr vom typischen Ortsbild abzuweichen, lässt er nicht gelten: "Wer sich in Mödlich und der gesamten Wische umschaut, hätte viele Häuser gesehen, die mit unsere Planung übereinstimmen", kritisiert Jan Dreßler.

Kubatur darf nicht verändert werden

"Das Haus steht in diesem Programm im Vordergrund", reagiert die Managerin des Regionalfördervereins Heike Zellmer. So bedauerlich die Ablehnung sei, das Programm sei nicht dazu gedacht, in erster Linie Wohnvorstellungen junger Menschen umzusetzen. "Die Kubatur des Hauses darf nicht verändert werden", so Zellmer. Zwar habe ihr Verein Dreßlers Projekt befürwortet, aber Neuruppin sei die Bewilligungsbehörde. "Gerade Fenster und ihre Anordnung bzw. Größe sind oft das größte Problem", weiß sie.

Jan Dreßler interessierts nicht mehr. Für ihn ist das Kapitel abgeschlossen. Dass der international gefragte Koch trotz lukrativer Angebote aus der Schweiz in der Prignitz bleibt, sei dem elterlichen Betrieb geschuldet. Insofern hat die Versagung des Antrags keine negativen Folgen. Für die ehemalige Lindengaststätte gibt es wohl keine gute Zukunft. Gelegen an der Bundesstraße und gegenüber der wunderschön sanierten Fischerkate hat sie die Rolle der Pechmarie übernehmen müssen. Ihre ortsbildprägende Bausubstanz ist verblichen.

Jan Dreßler baut auf einem Mödlicher Grundstück ein neues Haus. Ein Haus, das zum Dorfcharakter passen und zugleich moderne Wohnansprüche junger Leute erfüllen wird.

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erstellt am 21.Sep.2010 | 10:16 Uhr

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