zur Navigation springen

Klassenräume platzen aus den Nähten

vom

svz.de von
erstellt am 22.Sep.2010 | 06:27 Uhr

Ludwigslust | Ü 30 in den Klassenräumen: "Manchmal ist es echt schwer, in so einer großen Klasse aufzupassen", beichtet Marie Bannow aus der Klassenstufe neun. Damit meint sie nicht nur die Unruhe, die sehr schnell entstehen könne, wenn 30 oder mehr Schüler in einen Raum gepresst würden, sondern auch die Tatsache, dass man doch leichter zum Quasseln verführt werde, und so dem Unterrichtsgeschehen nicht mehr aufmerksam folgen könne.

So oder ähnlich fällt die Meinung der meisten Schüler der Klassenstufe neun am Goethe-Gymnasium in Ludwigslust aus, wenn man sie zu der Situation in ihren Klassen befragt. Grund für die Unzufriedenheit ist die neue Aufteilung. Aus vier achten Klassen mit insgesamt etwa 90 Schülern wurden für dieses neue Schuljahr kurzerhand drei neunte Klassen mit je ungefähr 30 Gymnasiasten erstellt. Die Ursache: für die siebte Klasse gab es insgesamt 120 Anmeldungen. Genügend also, um daraus fünf neue siebte Klassen zu bilden.

Doch Lehrerstunden fehlen. Eine Schule bekommt nämlich vom Schulamt nur eine bestimmte Anzahl von Stunden, die die Lehrer unterrichten können, zugewiesen. In diesem Fall waren es zu wenig. So musste eine Klasse eingespart werden.

Eckkehard Detenhoff, Schulleiter des Goethe-Gymnasiums, hatte die undankbare Aufgabe , die Klassen der Stufe sieben, neun oder elf neu aufzuteilen. Die Wahl fiel dabei auf die neunte Klasse, da die Umstellung von der Realschule aufs Gymnasium für die meisten Siebtklässler schon schwer genug sei, sagt er. Dabei noch in einer Klasse mit mehr als 30 Mitschülern lernen zu müssen, wollte man ihnen nicht antun. "Und auch die Elftklässler sollten nicht neu aufgeteilt werden, schließlich befinden sie sich schon in der unmittelbaren Vorbereitung auf das Abitur. Dort riesige Klassen zu bilden, wäre noch unverantwortlicher gewesen", meint Ekkehard Detenhoff. In einem Gespräch beantwortete er weitere Fragen:

Was sagen Sie dazu, dass es dieses Jahr 30 bis 32 Schüler in manchen Klassen gibt?

Das ist ganz schlimm. Die Eltern der betroffenen Schüler haben auch schon entsetzt angerufen und gefragt, ob so etwas überhaupt möglich sei. Aber man muss es von zwei Seiten sehen. Dieses Jahr gab es etwa 120 Anmeldungen für die Klassenstufe sieben. Und es gibt viel zu wenig Lehrerstunden für uns. Wir haben so oft hin und her gerechnet, sogar beim Schulrat angerufen und um mehr Lehrstunden gebettelt. Dazu kommt, dass das Lehrerpersonal stark abgenommen hat und dadurch Lehrermangel herrscht.

Würden Sie vielleicht einen Aufnahmetest einführen wollen, damit nicht mehr so viele Schüler an unserer Schule vorhanden sind?

Ja, das ist gar nicht so eine schlechte Idee. Andere Schulen haben ebenfalls diese ,Prüfungen. Aber es reicht auch schon, die Bedingungen höher zu schrauben, um am Gymnasium bleiben zu können. So, dass ein Schüler mit einem Vierer-Durchschnitt abgehen muss, aber ein Schüler mit einem Dreier-Durchschnitt bleiben darf.

Glauben Sie, dass man in einer großen Klasse genauso viel Bildung erlangen kann, wie in einer kleinen?

Nein, das glaube ich nicht. Am besten sind Klassen von 15-20 Schülern. Besonders in den Sprachen, um besser auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen zu können. Das Klassenklima ist mit weniger Schülern einfach besser.

Doch wie kann es überhaupt zu so einer Situation kommen, in der 31 Schüler in einem, bis auf den letzten Platz belegten Raum lernen müssen?

Die Antwort ist klar: An der Bildung wird, trotz miserabler PISA-Ergebnissen, nach wie vor gespart. Insbesondere im europäischen Vergleich sind die Bildungsausgaben Deutschlands weiter niedrig.

Im Jahre 2007 lagen die gesamten öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen bei 4,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (das ist die Wirtschaftskraft eines Landes). Weniger wurde nur in der Slowakei, Tschechien und Italien in die Bildung investiert. Zum Vergleich, Dänemark gab im gleichen Jahre mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Bildung des Nachwuchses aus.

Warum in Deutschland vergleichsweise wenig in die Zukunft investiert wird, ist unklar. Eine Klasse in der "eben ein paar mehr Schüler" sitzen, hört sich zwar etwas unspektakulär an. Doch daraus resultieren auch vielfältige Probleme. Das sieht auch Hilmar Zarbock, Mathematik- und Astronomielehrer genauso: "Natürlich ist es in einer großen Klasse schwerer, den Unterrichtsstoff zu vermitteln. Bei 30 Schülern schaffe ich es schließlich nicht auf die individuellen Probleme jedes einzelnen Schülers einzugehen. Von der Unruhe, die leicht aufkommt, mal ganz zu schweigen." Aber auch Schüler haben so ihre Probleme, mit der Gesamtsituation fertig zu werden. So meint Marie Bannow (14) beispielsweise: "Ich finde es doof, in einer so großen Klasse lernen zu müssen. Wenn man dem Unterricht nicht folgen kann, wird man vom Lehrer nicht beachtet. Dann muss man sich selber darum kümmern, den Stoff zu verstehen. Andererseits finde ich es manchmal gut, wenn man nicht gelernt hat und sich bei so einer großen Anzahl von Schülern, verstecken kann."

Eine fast identische Aussage trifft auch Marcus Rehtmeyer (14): "Ich finde es nicht gut, dass wir so viele sind. Wenn zwei Leute den Unterricht stören, versteht niemand etwas. Davon mal abgesehen, dass wir in manchen Räumen als Klasse gar nicht alle Platz haben. Aber Schulgesetz ist eben Schulgesetz."

Fazit: Dem können wir uns nur anschließen. Auch wenn wir mit unserer Klasse, der 9/2, einen vergleichsweise guten Fang gemacht haben, traurig finden wir es trotzdem, wie in Deutschland an der Zukunft des Landes gespart wird.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen