Landgericht verurteilt Sylvia M. zu zwei Jahren Haft auf Bewährung : Kita-Chefin veruntreut 255 000 Euro

291 Überweisungen auf das eigene Konto:Ex-Kita-Leiterin Sylvia M. (46, r.) und  Anwältin Beate Falkenbergdapd
291 Überweisungen auf das eigene Konto:Ex-Kita-Leiterin Sylvia M. (46, r.) und Anwältin Beate Falkenbergdapd

Nur ein Klick am Computer, sagt die ehemalige Kita-Leiterin vor dem Rostocker Landgericht. Und schon flossen mehrere hundert, ja tausende Euro vom Verein des Kindergartens in die Familienkasse von Sylvia M.

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09. Mai 2011, 07:40 Uhr

Rostock | Es war so einfach: Nur ein Klick am Computer, sagt die ehemalige Kita-Leiterin vor dem Rostocker Landgericht. Und schon flossen mehrere hundert, ja tausende Euro vom Verein des Kindergartens in die Familienkasse von Sylvia M. 291 Überweisungen gingen zwischen 2003 und 2006 auf das Konto der heute 46-Jährigen. Sie prellte den Trägerverein so um fast 255 000 Euro. Für diese Tat wurde sie gestern zu zwei Jahren Haft verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Bei seiner Urteilsbegründung ringt der Richter um Worte. Es sei eine "Riesentat der Untreue", ein massiver Vertrauensmissbrauch den Vereinsmitgliedern, Mitarbeitern und Eltern gegenüber. Das verhältnismäßig geringe Strafmaß habe die Angeklagte vor allem ihrem Geständnis zu verdanken. Sylvia M. leitete seit 1994 die Kita in Mönchhagen (Landkreis Bad Doberan), in der sie seit ihrer Ausbildung zur Erzieherin arbeitete. Die Einrichtung wurde nach der Wende von einer Elterninitiative übernommen, da sich die Kommune den Betrieb nicht mehr leisten konnte. "Der Kindergarten war mein Leben, ich habe ihn mit hochgepäppelt", sagt die Erzieherin. Als ihr vom Vereinsvorstand aber die Kontenführung übertragen und die Kontrolle vom Kassenwart immer nachlässiger wird, macht die Gelegenheit die Diebin: Sylvia M. zweigt Geld ab.

Als Verwendungszweck gibt sie Blumen, Tanken, Frühstück oder einfach Auslagen an. M. macht sich mit den Jahren keine Mühe mehr, den Grund der Überweisungen zu verschleiern, so werden auch horrend hohe Versandhausrechnungen bezahlt. Das Geld in Höhe von bis zu 4000 Euro fließt auf Konten ihrer Familie, einschließlich des Firmenkontos des selbstständig arbeitenden Mannes und der beiden gerade volljährigen Töchter. Alle Konten tragen den Familiennamen von M., eine Nachfrage wäre bei einer Kassenprüfung also durchaus angebracht gewesen, wie die Verteidigung, die Staatsanwaltschaft und nicht zuletzt der Richter bemerkt. Die Kontrolle war jedoch gleich null.

Bei einem Gehalt von 1670 Euro netto erhöhte sie so ihr Einkommen in den letzten beiden Jahren monatlich um weitere 7500 Euro. Davon hätten sie eine Sauna, einen Rasentraktor, eine Runddusche angeschafft und seien zweimal in den Urlaub gefahren, sagt Sylvia M. Der Rest sei ihr im täglichen Leben so "durch die Finger geflossen". Auch auf die erstaunte Nachfrage, wie denn ein plötzliches Familieneinkommen von mehr als 10 000 Euro pro Monat ausgegeben werden könne, zuckt die Angeklagte mit den Schultern.

Die Manipulationen flogen endlich auf, als die Bücher wegen einer bemängelten Rechnung durchforstet wurden. Das war Ende 2006, vier Jahre nach der ersten Überweisung in die Familienkasse der Leiterin. Die Gesamtschadenssumme erfährt Sylvia M. erst vor dem Arbeitsgericht, vor dem sie wegen der ihrer Meinung nach ungerechtfertigten Kündigung durch den Verein klagt. "Ich war erschrocken, dass es so viel war", sagt sie. Der Richter blickt zweifelnd. Er glaube nicht, dass Sylvia M. den Überblick über das abgezweigte Geld verloren habe, von dem nicht ein Cent mehr übrig sein soll. "Es bleibt ein Gefühl, da gibt es noch ein Depot, einen Geldspeicher im Ausland", sagt der Richter. Beweisen könne man es der Beschuldigten jedoch nicht.

Nach der Aufdeckung der Veruntreuung verliert Sylvia M. ihr Haus, meldet Privatinsolvenz an. Ihre Freunde, ihre Stellung und den guten Ruf in Mönchhagen hat sie verloren. Mit ihrem Mann ist sie nach Rostock gezogen und arbeitet dort als Tagesmutter. Es tue ihr alles sehr leid, sie würde es gern rückgängig machen, sagt die Angeklagte leise. Dabei wendet sie den Blick vom Publikum im Gerichtssaal ab.

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