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300 alte Münzen in Lüdershagen entdeckt : Kirchenfußböden als Fundgrube

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Bei der Restaurierung der alten Dorfkirche von Lüdershagen bei Stralsund sind Archäologen auf knapp 300 teils jahrhundertealte Münzen gestoßen. Die Geldstücke lagerten unter dem Ziegelfußboden der Kirche.

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erstellt am 07.Feb.2012 | 06:03 Uhr

Stralsund/Lüdershagen | Bei der Restaurierung der alten Dorfkirche von Lüdershagen bei Stralsund sind Archäologen auf knapp 300 teils jahrhundertealte Münzen gestoßen. Die Geldstücke, das älteste aus der Zeit um 1300, lagerten unter dem Ziegelfußboden der Kirche. Sie sind vermutlich in den vergangenen Jahrhunderten bei Opfergaben und Kollektesammlungen auf den Boden gefallen und durch die Ritzen des Fußbodens gerutscht, wie der Archäologe Michael Schirren vom Landesamt für Kultur und Bodendenkmalpflege sagte. Unter den Münzen befinde sich auch ein vom Typ her bisher unbekannter Hohlpfennig aus der Zeit um 1360.

Geschichten und Geschichte werden anschaulich

Für die Forscher haben diese über Jahrhunderte angehäuften Münzen einen großen wissenschaftlichen Wert, weil man aus ihnen Geschichten und Geschichte lesen könne.

"Solche Funde liefern über den reinen Münzwert hinaus auch Informationen über jahrhundertealte Handelsbeziehungen und soziale Verhältnisse der Kirchgänger", sagte Schirren. Auch verschiedene Schmuckstücke wie einen Ohrring und einen Fingerring, dazu viele Buchschließen spätgotischer und reformatorischer Zeit fanden die Archäologen in der Erde.

Für die Bodendenkmalpfleger war es ein Glücksfall, dass der Pfarrer von Ahrenshagen, Christhart Wehring, rechtzeitig die Archäologen informierte. Noch vor der Sanierung des Kirchenfußbodens der im 13. Jahrhundert erbauten Lüdershagener Kirche kontaktierte Wehring das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege.

"Selbstverständlich ist das nicht", sagte Schirren. Denn trotz des bestehenden Kirchenstaatsvertrages würden Kirchen noch oft saniert, ohne diese Eingriffe in Bodendenkmale mit staatlichen archäologischen Denkmalbehörden abzustimmen. Sind die Erdarbeiten bereits im Gange, sei es schwer, trotz des Einsatzes von Metalldetektoren solche interessanten Quellen zu sichern.

Nachdem Baufirmen den Barockfußboden aufgenommen hatten, rückten Ende Januar ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger an, die den darunter liegenden Boden mit Metalldetektoren systematisch absuchten. "Das Areal war eine Münzfalle erste Kategorie", sagte Gerd Sobietzky, einer der ehrenamtlichen Helfer. Zentimeter für Zentimeter scannten die Männer bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mit ihren Geräten den Boden bis in 30 Zentimeter Tiefe ab und brachten bisher 276 Münzen, darunter allein 61 Hohlpfennige, sowie interessante Geldstücke aus dem norddeutschen und nordeuropäischen Raum, wie dänische Schillinge, Stargarder Vierchen, Stralsunder Dreilinge oder Lübecker Pfennige, zutage.

Bisher unbekannter Hohlpfennig-Typ entdeckt

Zu den wertvollsten Funden gehören zwei Münzen aus Stettin und Wolgast aus dem 17. Jahrhundert, die in Greifswald und Anklam gegengestempelt wurden - ein Zeichen der besonderen Qualität des Silbers, wie Schirren sagte. Ein besonderer Fund sei zudem ein bisher unbekannter Hohlpfennig-Typ aus dem Jahre 1360. "Aus den Funden lässt sich schließen, dass nicht nur bäuerliche Landbevölkerung die Kirche besuchte, sondern auch Handelsreisende."

Lüdershagen lag an der alten Handelsroute zwischen Rostock und Stralsund. Zudem vermuten die Archäologen, dass die Kirchgänger entweder geizig oder nicht besonders reich gewesen sein müssen. Denn bei den Funden handele es sich nur um Kleingeld.

"Kirchenfußböden werden als lesbare archäologische Quelle noch weitgehend unterschätzt", bedauerte der Archäologe. Die Funde unter den Dielen oder Ziegeln lieferten nicht nur wertvolle Informationen über das soziale Gefüge in den vergangenen Jahrhunderten, sondern eröffneten im Vergleich mit anderen Funden den Blick auf die Nutzung der jeweiligen Kirche und den umgebenden Wirtschafts- und Währungsraum.

Bisher wurden in Mecklenburg-Vorpommern fünf Kirchenfußböden von Archäologen systematisch untersucht - zuletzt die Wallfahrtskirche in Kenz im Kreis Vorpommern-Rügen, wo die Archäologen auf rund 190 Münzen aus dem gesamten norddeutschen und südskandinavischen Raum stießen.

Welche Schätze sich unter Kirchenfußböden verbergen, zeigen die jüngsten Entdeckungen im Dom von Greifswald. Dort fanden Restauratoren unter den Holzdielen der früheren Kirchenbibliothek nicht nur Scherben, Knöpfe und Stoffreste, sondern auch eine Handschrift aus dem 15. Jahrhundert sowie einen kleinen Lederball.

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