Kinderheim unter Verdacht - Schwere Missstände oder Rufmord?

von
30. September 2008, 06:11 Uhr

S chlatkow - Im ostvorpommerschen Schlatkow bei Anklam sind die Wiesen weit und nur 30 Kilometer von der Ostseeküste entfernt scheint die Luft schon nach Meer zu riechen. Ein idealer Platz für ein heilpädagogisches Heim, in dem Kinder betreut werden, die aus Sorge um ihr Wohl aus zerrütteten Familien genommen wurden, oder für Erwachsene, die unter schweren psychischen Störungen leiden. Doch die Idylle ist in Verruf geraten. Das Heim des Trägervereins Mattisburg e.V. sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft Stralsund hat drei Ermittlungsverfahren gegen den 60 Jahre alten Heimleiter und Geschäftsführer wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch, unterlassene Hilfeleistung und Untreue eingeleitet.

Die Ermittlungen stünden ganz am Anfang und seien zudem schwierig, da die Betroffenen häufig unter schweren psychischen Erkrankungen litten, betonte Oberstaatsanwalt Michael Böhme am Dienstag. „Wir müssen jetzt genau prüfen, was an den Vorwürfen dran ist.“ Unter anderem liegt der Staatsanwaltschaft die Anzeige einer 21-jährigen Heimbewohnerin vor. Sie sei vom Heimleiter gezwungen worden, ihn zu küssen. Die psychisch gestörte Frau beschuldigt die Heimleitung zudem, ihr die gewünschte Verlegung in eine psychiatrische Einrichtung versagt zu haben. Zudem wird Böhme zufolge geprüft, ob der Trägerverein Mietverträge zu überhöhten Mieten mit der Eigentümerin der Gebäude, der Ehefrau des Heimleiters, abgeschlossen hat.

Und es gibt noch mehr Vorwürfe. „Ich habe seit Jahren auf Missstände in der Einrichtung aufmerksam gemacht, doch die mir bekannten Überprüfungen haben nichts ergeben“, sagte Edeltraud Schmid, Leiterin einer Förderschule für Erziehungsschwierige im vorpommerschen Behrenhoff. In der Schule lernten auch Kinder, die in der Mattisburg betreut wurden. Bereits vor vier Jahren habe sie das Jugendamt des Landkreises Ostvorpommern und das Landesjugendamt auf mögliche Kindeswohlgefährdungen und Missstände aufmerksam gemacht. „Es gab Kinder, die ungewaschen und im Winter ohne Socken in die Schule kamen. Die Kinder litten unter dem ständigen Erzieherwechsel in der Mattisburg.“ Schmid berichtete von einem Kind, das vor dem Heimleiter habe niederknien und ihn mit dem Satz „Du bist mein Gott“ habe anbeten müssen.

Die Pädagogin ist sich sicher, dass die Kinder von der Heimleitung manipuliert und schwerem psychischen Druck ausgesetzt wurden. Ein anderes Kind, ebenfalls Schüler in Behrenhoff, bekam Schmid zufolge in der Mattisburg kein alternatives Essen, als es die dort verabreichte Kost aus Gemüse und Vollkorn nicht vertrug. Das Kind sei 2005 nach Prüfung durch das zuständige Jugendamt Dresden in eine andere Einrichtung verlegt worden.

Kurt Zahradka, Leiter der nach der Waldorfpädagogik und anthroposophischen Vorstellungen Rudolf Steiners arbeitenden Einrichtung, wies alle Vorwürfe zurück. „Das ist ja aberwitzig“, sagte er am Dienstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Wenn es etwas geben würde, wäre die Einrichtung schon längst geschlossen.“ Bei ihm hätten sich weder Staatsanwaltschaft noch Polizei gemeldet. „Stimmt nicht“, sagte Polizeisprecher Axel Falkenberg. Erst im Sommer seien Beamte vor Ort gewesen, um Vorwürfe zu prüfen. „Da scheint gewaltig der Wurm drin zu sein“, sagte Falkenberg. Bereits in den Jahren 2000, 2005 und 2006 hatte die Staatsanwaltschaft Stralsund eigenen Angaben zufolge gegen die frühere Heimleiterin und Ehefrau des jetzigen Heimchefs wegen fahrlässiger und vorsätzlicher Körperverletzung ermittelt. In allen drei Fällen musste die Frau eine Geldbuße zahlen, wie Oberstaatsanwalt Böhme sagte. Danach seien die Verfahren eingestellt worden.

Die Jugendämter sahen bisher keinen Handlungsbedarf, dem Heim die Betriebserlaubnis zu entziehen. Derzeit werden nach Angaben des Heims zwei Kinder und sechs Erwachsene in der Einrichtung betreut. Die Kreisverwaltung des Landkreises Ostvorpommern erklärte, bei den aktuellen Vorwürfen mit den Ermittlungsbehörden eng zu kooperieren. „Um der Sache auf den Grund zu gehen, sind wir allerdings auf Anzeigen von Eltern oder Erziehern angewiesen“, sagte Kreissprecher Christoph Krohn. Am Dienstag schickte das Landesamt für Gesundheit und Soziales Mitarbeiter vor Ort, um die Vorwürfe zu prüfen und den Kindern und Jugendlichen zu signalisieren: Bitte wendet euch bei Problemen an uns. Derzeit lägen dem Amt allerdings keine aktuellen Hinweise auf Kindeswohlgefährdung von Eltern und Erziehern vor, sagte eine Sprecherin. Für das Heim für Erwachsene, in dem die 21-Jährige betreut wird, seien dem Amt die Hände gebunden. Dafür sei das Landesamt nicht zuständig.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen