Keine klare Antwort

Nicht immer sachlich und zum Teil sehr emotionsgeladen ging am Donnerstag Abend ein öffentliches Forum der Frage nach „Gentechnik und Lebensraum – Sackgasse oder Fortschritt?“

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30. Mai 2008, 07:39 Uhr

Perleberg - Um es vorweg zu nehmen: Eine klare Antwort gab es für den (unvoreingenommenen) Zuhörer nicht – wenngleich die ablehnenden Argumente dominierten.

Grund dafür war nicht nur die Publikumsmehrheit, die mit ihren Fragen, Argumenten bzw. Statements die grüne Gentechnik ablehnte. Ebenso überzeugten Heike Moldenhauer (BUND), Christof Potthof (Gen-Ethisches Netzwerk) und vor allem Reinhard Jung (Bauernbund Brandenburg) im Präsidium ein Stück mehr als die Gentechnik-Befürworter Dr. Thomas Kühne (Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen), Frank Schmidt (Landwirt aus Sükow) und Frank Stepanski (Mitarbeiter Monsanto).
Eingeladen hatte Bürgermeister Fred Fischer, sollte doch die Veranstaltung ihm und den Stadtverordneten bei der Meinungsbildung helfen, ob die Stadt Perleberg einer „Gentechnikfreien Region Prignitz“ beitritt oder nicht. Den Antrag gestellt hatte die Fraktion „Die Linke“.

Licht und Schatten von grüner Gentechnik
„Der Einsatz von Gentechnik ist im Moment und in Zukunft das falsche Signal“, erklärte Christof Potthof. Die Prignitz sollte sich mit ihrem Potenzial an Landschaft und Entwicklungsmöglichkeiten „nicht etwas verbauen“ und „Rufschädigung“ betreiben.

Heike Moldenhauer beleuchtete Licht und Schatten von Genmais. Erreicht werden soll eine höhere Resistenz gegenüber Krankheiten und Schädlingen und damit höhere Erträge. „Die Pflanze bildet aber die gesamte Wachstumsperiode über ein Gift, das sich auch auf Insekten schädlich auswirkt“, so Moldenhauer.

An das Thema sollte sachkundig und nicht ideologisierend heran gegangen werden, meinte Dr. Kühne. „Grüne Gentechnik ist nichts anderes als das, was Pflanzenzüchter seit 100 Jahren tun. Nur dass jetzt Genome als Erbgut neu gemischt werden, und das wissenschaftlich kontrolliert.“ Der genetische Faktor werde künftig noch weitere Bedeutung erlangen, prognostizierte Kühne. Er kam aber nicht umhin, bei zugelassener grüner Gentechnik zu ergänzen: „Nach heutigem Stand des Wissens geht keine Gefahr aus“. Die Gegner hakten hier natürlich ein: Der Anbau von herbizidresistentem Soja-Saatgut sei anfangs zusammen mit Roundup relativ kostengünstig gewesen, da alle Pflanzen außer der genveränderten Nutzpflanze abgetötet und weitere Spritzungen reduziert wurden. Inzwischen hätten sich aber vor allem im Baumwoll- und Sojaanbau immer mehr resistente Unkräuter gebildet, die die Kombination des teuren Saatguts mit Roundup unwirtschaftlich machten.

Disput auch zu amflora. Eine Zulassung der gentechnisch veränderten Stärkekartoffel durch Brüssel steht noch aus. „Wenn wir die Stärkefabriken und die Stärkekartoffel angesichts des Vormarsches von Mais erhalten wollen, müssen wir amflora anbauen“, argumentierte Frank Schmidt aus Sükow. Sobald die EU sie zulasse, werde er sie in den Boden bringen. Entgegen gehalten wurde ihm, dass mit Eliane ein gleichartiges Pflanzgut (mit Ausschluss von Amylose) auf konventionelle Weise gezüchtet wurde.

Zweifel, dass Prignitz gentechnikfrei bleibt
Kühne widersprach, die in der Pflanze eingebaute Antibiotika-Resistenz könnte bestimmte Medikamente im Magen-Darm-Trakt des Menschen unwirksam werden lassen. Ganz entkräften konnte er die Befürchtung jedoch nicht.

Ganz schlechte Karten hatte Monsanto-Mitarbeiter Stepanski. Seine Argumentation, grüne Gentechnik helfe, den Welthunger zu bekämpfen und Rohstoffe für die Zukunft zu sichern, erhielt die Anmerkung: „Die Industrie will vor allem viel Geld verdienen und die Bauern in Abhängigkeit bringen.“
„Wir haben in Deutschland leistungsstarke Landwirtschaftsbetriebe und Erträge, die über denen in Ländern liegen, wo grüne Gentechnik durchgesetzt wurde. Als Bauernbund lehnen wir sie klar und deutlich ab“, meinte Reinhard Jung – und ergänzte gleichzeitig: „Doch ich glaube nicht, dass wir gentechnikfrei bleiben.“

Diese Forderung stellten jedoch nicht nur Wolfgang Kahmann, Wilfried Treutler, Daniela Dörfel und weitere Besucher auf. Befürworter, u. a. Kirche, Kommunen, oder das Bündnis Prignitz-Parchim wollen sich in Kürze treffen, um weitere Aktionen zur Bewahrung der Prignitz als gentechnikfreies Gebiet zu beraten.

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