Müttergenesungswerk kritisiert Ablehnungspraxis : Kassen verweigern Kuren

Bewegungstraining im Wasser  bei einer Mutter-Kind-Kurdpa
Bewegungstraining im Wasser bei einer Mutter-Kind-Kurdpa

40 Jahre, ledig, ein Kind, berufstätig, akute Erschöpfung - ein klarer Fall für eine Mutter-Kind-Kur. Das denkt zumindest die betroffene Frau und stellt einen Antrag bei ihrer Krankenkasse.

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20. Mai 2011, 09:52 Uhr

40 Jahre, ledig, ein Kind, berufstätig, akute Erschöpfung, bereits in psychologischer Behandlung, Erkrankung des Bewegungsapparates - ein klarer Fall für eine Mutter-Kind-Kur. Das denkt zumindest die betroffene Frau und stellt einen Antrag bei ihrer Krankenkasse. Doch die lehnt ab. Begründung: "Beschwerdesymptomatik nicht im Sinne der mütterspezifischen Leitsymptomatik". Statt der Kur empfiehlt die Kasse einen Entspannungskurs und eine ambulante Heilmitteltherapie. Die Frau legt Widerspruch ein. Doch die Kasse lehnt erneut ab. Diesmal rät sie der Mutter zu einem einwöchigen Erholungsurlaub mit einer Kostenbeteiligung von 300 Euro - ohne Kind. Die Frau gibt auf.

Ein Beispiel von vielen, wie das Müttergenesungswerk (MGW) betont. Die Stiftung für die Gesundheit und Gesunderhaltung von Müttern mit bundesweit 1400 Anlaufstellen hat im vergangenen Jahr 140 000 Beratungsgespräche geführt und 40 000 von insgesamt 70 000 Anträgen auf Mutter-Kind-Kuren ausgewertet. Davon kamen mehr als 400 Anträge aus Mecklenburg-Vorpommern. Das Ergebnis: Die Zahl der Ablehnungen ist gestiegen - im Nordosten sogar deutlich. Mit 44 Prozent wurde fast jeder zweite Kur-Antrag von Müttern aus MV ablehnt. Im Vorjahr waren es 34 Prozent. Bundesweit lag die Ablehnungsquote 2010 bei 34 Prozent (2009: 31 Prozent). Und das, obwohl die Mutter-Kind-Kuren seit 2007 Pflichtleistungen der Kassen sind. Nicht nur in der Bundespolitik wird deshalb derzeit die Frage diskutiert: Wie kann das sein?

Für MGW-Geschäftsführerin Anne Schilling gibt es nur eine Erklärung: "Die Kassen benutzen die Mütter als Sparpotenzial." Anders sei nicht zu erklären, dass die Ablehnungen trotz bundesweit sogar leicht gestiegener Antragszahl zunehmen. Schilling sieht die Kassen in Erklärungsnot, denn 54 Prozent aller Widersprüche hätten Erfolg. Das zeige, dass Ablehnungen oft zu leichtfertig erfolgten. Kritik übt Schilling vor allem an einer häufigen, aber rechtswidrigen Begründung für die Ablehnung. "Ambulant vor stationär" - dieser Grundsatz sei bei Mutter-Kind-Kuren extra aufgehoben worden. Wohlwissend, dass Mütter - oder auch Väter - einen 24-Stunden-Alltag haben, und stationäre Kuren deshalb oft einen größeren Erfolg versprechen. Das Kassen-Argument der Wirtschaftlichkeit kann Schilling daher nicht nachvollziehen. Wenn Belastungen zu spät oder nicht zielgerichtet behandelt würden, müsse man letztlich mit höheren Folgekosten rechnen, gibt die Geschäftsführerin zu bedenken.

Wolfgang Klink, Sprecher der Barmer GEK in MV, verweist hingegen auf die medizinische Begutachtung der Antragsteller. Wenn ambulante Angebote hierbei genauso zweckmäßig eingestuft würden wie stationäre, dann werde auch die Wirtschaftlichkeit mitgeprüft. Eine regionale Statistik führe die Kasse nicht. Deutschlandweit sei ihre Genehmigungsquote aber relativ konstant, sagt Klink.

Spitzenreiter bei den Ablehnungen im Land war in der MGW-Statistik von 2010 die KKH-Allianz. Die höchste Genehmigungsquote hatte dagegen die Techniker Krankenkasse (TK). Nach eigenen Angaben ist bei der TK auch der Trend gegenläufig. Trotz weniger Anträgen in 2010 gab es demnach mehr Bewilligungen als 2009. Bundesweit sanken die Ausgaben der Kassen im Bereich Mutter-Kind-Kuren von 2009 zu 2010 aber um neun Prozent.

Die rigide Ablehnungspraxis macht sich auch bei den Kureinrichtungen im Land bemerkbar. Nach Angaben des Bäderverbandes gab es im ersten Quartal 2011 einen Einbruch von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum bei Mutter-Kind-Kuren. Geschäftsführerin Marianne Düsterhöft geht allerdings davon aus, dass sich die Zahlen im Laufe des Jahres wieder stabilisieren werden. Die Einrichtungen an der Küste seien besonders in Sommermonaten gefragt.

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