Kampf mit der Küste: Abriss des Diakonie-Heims in Lohme beginnt

Drei Jahre nach dem großen Steilküsten-Abbruch in Lohme auf Rügen beginnen am Dienstag die Abrissarbeiten an einem einsturzgefährdeten Diakonieheim.
Drei Jahre nach dem großen Steilküsten-Abbruch in Lohme auf Rügen beginnen am Dienstag die Abrissarbeiten an einem einsturzgefährdeten Diakonieheim.

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14. Mai 2008, 03:07 Uhr

Lohme - Der 200-Tonnen-Kran steht etwa 60 Meter entfernt vom Heim, näher kann man nicht ran, weil es sonst zu gefährlich wird. „Anfang April gab es noch mal viel Regen, der Boden ist sehr schwammig geworden. Das Gebäude kann jeden Tag abrutschen“, sagt Dieter Woitas von der Abrissfirma. Ein Greifer zerlegt das Haus, regelmäßig misst man Schwingung und Grundwasserstand.

Die Abrissfirma kennt das Gebäude nur aus der Ferne
Weiteres Problem: Die Firma konnte das Gebäude nur aus der Ferne sehen, Unterlagen zum Bau waren nicht zu bekommen. Trotzdem könnte man in drei Monaten fertig sein, wenn das Wetter mitspielt, so Woitas.

Mit dem Abriss des Diakonieheims schließt die Gemeinde ein Kapitel, das beinahe in einer Katastrophe geendet hätte. Am 19. März 2005 bricht ein etwa zwei Fußballfelder großes Hangstück ab, der Bruch verläuft nur zwei, drei Meter vom Heim entfernt. Das Heim für Suchtkranke schließt, die Diakonie verteilt die 20 Betroffenen auf andere Einrichtungen im Land. Ein Jahr später öffnet in Dreschwitz ein neues Heim, allerdings mit nur noch 15 statt 40 Plätzen.

Episode beendet, es bleibt ein Stück Trauma

Die Gesamtkosten von rund 400 000 Euro für den Abriss teilen sich die Diakonie, Land und Landkreis. „Ich bin froh, wenn die Episode Lohme beendet ist. Es bleibt ein Stück Trauma“, sagt Peter Grosch von der Suchtkrankenhilfe der Diakonie.

Doch eine neue Episode macht den Einwohnern zu schaffen. Landrätin Kerstin Kassner (Die Linke) verkündete gestern auf einer Einwohnerversammlung die Hiobsbotschaft: Zehn Grundstückseigentümer müssen langfristig ihre Häuser verlassen, weil ihre Lage immer noch gefährdet ist. „Es ist nicht mehr zu verantworten, dauerhaft dort zu wohnen“, sagt die Landrätin.

Die betroffenen Anwohner können aber gegen die Empfehlung Rechtsmittel einlegen. „Ich hoffe, wir finden eine Lösung. Das ist eine schlimme Situation für die Bürger, bei vielen steckt da ja ihr ganzes Geld drin“, sagt Kerstin Kassner. Einzige mögliche Rettung: Der Hang muss stabiler gemacht werden. Man müsste die Entwässerung und Überwachung des Hanges verbessern und eine Verstärkungswand bauen. Die Kosten für eine Komplettsicherung des mit Wohn- und Ferienhäusern und einer Pension bebauten Hanges und des betroffenen Hafens belaufen sich auf rund vier Millionen. Kerstin Kassner will das Geld von den Betroffenen, Gemeinde, Kreistag und Land zusammenkriegen.

„Stimmung im Ort ist am Boden“

„Die Stimmung im Ort ist am Boden, seitdem das Gespenst der Nutzungsunterlassung durch den Ort geistert“, sagte Lohmes Bürgermeister Jörg Burwitz. Alfred Fitzner gehört das drittnächste Haus am Heim. Hier lebt der 73-Jährige seit über 50 Jahren. Die beiden Bungalows, die er sonst immer vermietet, stehen leer. Nach Weihnachten musste er sie abmelden. „Zu Gefährlich“ habe der Vermesser damals zu ihm gesagt. „Dabei war das immer die schönste Ecke, mit Hafensicht“, erzählt der Rentner. Was passiert, wenn er sein Haus verlassen muss? „Wenn die sagen, ich muss gehen, dann gehe ich – es geht ja um die Sicherheit“, sagt Alfred Fitzner. „Ich bin hier groß geworden, jetzt bin ich alt, was soll ich machen? Man muss das Beste draus machen.“

Im Rahmen der Maßnahmen müsste auch die Treppe gesperrt werden, die den Hafen mit der Gemeinde verbindet. „Das wäre ein absolutes Horrorszenario“, sagt Doryn Buss. Sie vermietet im „Haus am Meer“ zwölf Appartments am Hafen. Doch sie zweifelt an der ganzen Geschichte.

„Das Gutachten ist eine bürokratische Farce“

„Was dieses Gutachten aussagt, ist unhaltbar – das Ganze ist eine bürokratische Farce.“ Sie sieht keine Gefahr. Doch wenn der Zugang zum Hafen gesperrt würde und Ferienwohnungen schließen müssten, blieben wohl auch Touristen weg – die wichtigste Einnahmequelle in der Region. Torsten Rollin, Geschäftsführer der Lohme Touristik GmbH, bestätigt erste Absagen. Doch er beschwichtigt: „Die Gemeinde ist groß und besteht ja nicht nur aus Hang, es gibt noch genug Möglichkeiten, hier unterzukommen.“

Wie zum Beispiel bei Susanne Schneider, die eine Ferienanlage mit sieben Apartments im etwa ein Kilometer entfernten Salwitz betreibt. „Die meisten Leute wollen lieber eine Lage direkt am Meer, da kommen wir normalerweise erst in der zweiten Reihe. Aber ich wünsche es natürlich niemandem, dass man seine Häuser aufgeben muss.“

Das muss nicht passieren, wenn die Gemeinde die Sicherheit am Hang gewährleisten kann. Die Hoffnungen von Landrätin Kerstin Kassner ruhen unter anderem bei einer eventuellen Finanzierung durch das Land. Schon bei dem Abriss des Diakonieheims gab es eine Sonderbedarfszuweisung von 125 000 Euro.

Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Verkehrs-, Innen- und Umweltministerium befasst sich mit der Lage in Lohme. Allerdings gebe es noch keine konkreten Ergebnisse zur Finanzierung, so Mathias Lange vom federführenden Verkehrsministerium. Umweltminister Till Backhaus (SPD) hingegen wies eine Forderung auf eine Beteiligung des Landes bereits zurück. Der instabile Hang sei ein „terrestrisches Problem“ und keine Frage des Küstenschutzes, für den das Land zuständig sei.

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