Kalkulierter Tabubruch?

Ein todgeweihter Mensch soll freiwillig sterben. Öffentlich. In einem Museum. Als Teil eines Kunst-Projektes. So schwebt es dem deutschen Künstler Gregor Schneider vor. Mit dieser „ultimativen Peformance“ will er „die Schönheit des Todes zeigen“. Dass dieser Tabubruch mit Kopfschütteln, Entsetzen und Diskussionen um Freiheit und Grenzen der Kunst einhergeht, dürfte niemanden verwundern.

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21. April 2008, 07:50 Uhr

Gregor Schneider (39) haftet der Ruf als „unheimlichster Künstler der Gegenwart“ an. Mit 16 Jahren begann er, sein Mönchengladbacher Altbauhaus um- und umzubauen, Wände vor Wände zu ziehen und Fenster vor Fenster, Labyrinthe, schalldichte Verliese und Fallen anzulegen. Als er dieses Kunsthaus 2001 nach Venedig verfrachtete und dort auf der Biennale wieder aufbaute, bekam er prompt den „Goldenen Löwen“ für den besten Pavillon zugesprochen.

Manchmal sitzt er auch in einem Müllsack versteckt in einer seiner Ausstellungen und belauscht die Besucher. Oder er liegt in seinen Kunsträumen, sogenannten „toten Räumen“, wie tot herum. Man sieht, dieser Mann hat ein absonderliches Verhältnis zum Tod.
Doch noch nie hat Schneider die Grenze zwischen ästhetischem Schein und tödlichem Sein oder besser Nichtsein überschritten.

In der englischen Fachzeitschrift „Art Newspaper“ kündigte er jetzt an: „Ich möchte eine Person ausstellen, die eines natürlichen Todes stirbt, oder jemanden, der soeben gestorben ist.“ Seine Idee hinter diesem morbiden Projekt: „die Schönheit des Todes“ zeigen.

Das ist zweifellos ein Tabubruch. Dabei muss man Gregor Schneider noch nicht einmal Kalkül vorwerfen, er hat bereits einen ausgezeichneten Ruf in der Kunstwelt und ist auf die medialen Aufmerksamkeits-Routinen nicht angewiesen.

Warum dann aber diese letzte Grenzüberschreitung? Haben nicht Gunther von Hagens Plastinationen von toten Menschen und Tieren, die Fotografien schwerkranker Menschen vor und nach ihrem Tod oder die berühmt-berüchtigten Blut-Kunst-Orgien des Österreichers Hermann Nitsch die Grenzen des selbst in der Kunst Zumut-baren zur Genüge ausgereizt?

Schneider argumentierte jetzt in der „Welt“, die Realität des Sterbens in deutschen Kliniken, Intensivstationen und Operationssälen sei grausam, ein „Skandal“. „Der Tod und der Weg dahin ist heute Leiden. Die Auseinandersetzung mit dem Tod, wie ich sie plane, kann uns den Schrecken vor dem Tod nehmen.“ Der Beitrag des Künstlers könne darin bestehen, humane, lichtdurchflutete Orte für den Tod zu bauen, „wo Menschen in Würde sterben können. Der Raum schafft die Würde und den Stolz.“

Dagegen wird niemand ernsthaft etwas einwenden können. Nur stellen sich sofort neue Fragen. Abgesehen von rechtlichen Problemen, die ein derart öffentlich zu beobachtendes Sterben mit sich brächten. Aber was wäre denn der eigentliche, von niemand anderem zu leistende Beitrag des Künstlers bei der Schaffung solch würdevoller Sterberäume? Und: Soll hier wirklich die Freiheit der Kunst diskutiert und gemessen werden an einem Fall verletzter Menschenwürde?

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