zur Navigation springen

Streitbar: Bleibt der Radsport im Doping-Sumpf? : Jubiläum oder letzte Hoffnung

vom

Was ich vorhabe, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Es geht um den Versuch der Resozialisierung einer Sportart, die sich im letzten Jahrzehnt selbst so gründlich zugrunde gerichtet hat, dass sie unsanierbar sein müsste.

svz.de von
erstellt am 05.Jul.2013 | 08:13 Uhr

ROSTOCK | Was ich hier vorhabe, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Es geht um den Versuch der Resozialisierung einer Sportart, die sich im letzten Jahrzehnt selbst so gründlich zugrunde gerichtet hat, dass sie unsanierbar sein müsste.

Damals, zu Beginn der 90er Jahre, habe ich mich auf den Juli immer gefreut wie ein kleines Kind auf Weinachten. Morgens stand ich etwas früher auf als sonst, arbeitete etwas schneller als normal und schaute dann ab dem frühen Nachmittag die Live-Übertragungen der Tour de France − natürlich auf Eurosport und nicht bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, die aus dem Etappenrennen immer eine Gastro- und Landschaftsreportage mit sportlicher Untermalung machten. Aus dem Eurosport-Moderationscontainer heraus erfreuten mich hingegen Klaus Angermann, Ulli Jansch und der großartige Karsten Migels. Migels zum Beispiel erkannte jeden Fahrer sofort und das sogar in der Hubschrauberkameraperspektive, während bei den Öffentlich-Rechtlichen Herbert Watterott & Co. im Nebel stocherten und schwiegen, weil sie die Rennen taktisch und technisch nicht verstanden. Wenn sie was sagten, ging es oft um die Qualität des Restaurants, das sie am Vorabend aufgesucht hatten.

Waren die Etappen beendet, setzte ich mich selbst aufs Rennrad und fuhr noch ein paar Stunden mit meiner Trainingsgruppe durch die Gegend. Dabei ging es selbstverständlich nur um das Rennen, das alle zuvor wie ich verfolgt hatten. Den Ereignissen in Frankreich folgend, wurden die Gespräche immer unappetitlicher. Die ersten Jahre ging es um Fragen wie, ob sich eine Außreißergruppe zu früh gebildet hatte, oder ob eine Sprintermannschaft zu spät einen Zug aufbaute, um ihren Kapitän ein paar Meter vor dem Etappenziel zum Endkampf Mann gegen Mann abzuliefern.

Natürlich fieberten wir alle mit Jan Ullrich und verachteten den US-Perfektionisten Lance Armstrong − wer ist schon frei von Ressentiments? Und hin und wieder ging es auch ums Doping, um die diversen Mittelchen, mit denen die Athleten ihre Leistungen im Mikrobereich noch steigerten. Wir machten uns nicht allzuviel draus, da unsere eigenen Schmerzen bei unseren Trainingsrunden zu viel Respekt vor dem führten, was die Profis da veranstalteten. Egal ob mit oder ohne Doping, das waren echte Helden. Deren Schmerzen bei stundenlangen und über 200 Kilometer langen Bergetappen in der sengenden Sonne konnten wir, so bildeten wir uns jedenfalls ein, wenigstens im Ansatz nachvollziehen.

Unheimlich und ekelerregend wurde uns unser Lieblingssport, als der Name Eufemanio Fuentes die ersten Male fiel, jenes spanischen Sportmediziners, der seinen radelnden Patienten nicht "nur" ein paar Mittelchen zur schnelleren Regeneration verabreichte. Fuentes war der Dr. Frankenstein der Radsportszene, sein "Eigenblutdoping" das widerlichste, was wir uns vorstellen konnten: Trainierten Sportlern zapfte der Gruseldoktor einen Liter Blut ab, isolierte die roten Blutkörperchen und leitete den Rest wieder in den Körper zurück. Die gewonnenen roten Blutkörperchen wurden hingegen in den Kühlschrank geschmissen. Dort lagerten sie und wurden dem Sportler kurz vor einer besonders harten Etappe wieder per Transfusion zurückgegeben. Warum diese Ekelübung? Wegen des Mehr an roten Blutkörperchen erhöhte sich die Sauerstofftransportkapazität schlagartig. So bleibt man lange schnell. Nur sahen so Sieger aus? Die Frankreichrundfahrt wurde eine Geisterbahnfahrt.

Bei uns Freizeitsportlern − alles erwachsene Männer − veränderte die Fuentessche Blutpanscherei die Gespräche schlagartig, es war einfach zu ekelhaft und kam uns irreal vor, was wir lesen und hören mussten. Wir sprachen also auf einmal wieder über Fußball, die neusten Pulsmesser, Laufradsätze und die günstigsten Radsportläden − alles nur, um die fiesen Bilder nicht vor Augen zu haben. Armstrongs galaktische Leistungen wirkten im Nachhinein nur noch wie Karikaturen, der stets ungelenke Ullrich bekam wenn überhaupt nur noch Mitleid und ich schaute Eurosport auch nur noch wegen der Kommentatoren, deren Fernseh-WG ich aber komischerweise immer noch gerne bei mir einziehen ließ. Nur die Themen hatten sich verändert. Es ging um staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, durchsuchte Hotelzimmer, mögliche Gefängnisstrafen. ARD und ZDF entschlossen sich sogar, ihre langweiligen Übertragungen auf ein Minimum einzudampfen. Nachdem ich dann auch noch eine neue Wohnung bezog, war bei mir dann ganz Schluss. Ohne Kabelfernsehen, hatte ich kein Eurosport mehr. Ich kaufte mir sogar Laufschuhe.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Die Tour wird 100 und ich habe wieder Eurosport. Und so ist auch die Freude über das härteste Sportereignis der Welt wieder da. Ich freue mich wieder auf die Juli-Nachmittage. Und ich kann die herrlich absurden Seiten meines ehemaligen Lieblingssports wieder genießen: Da sind die bierbäuchigen älteren Männer, die sich ihre nur mäßig trainierten und blassen Waden rasieren − so würden angeblich Wunden besser verheilen, die man sich im Falle eines Sturzes zuziehen könnte, sagen sie. Nur müssten diese Typen dafür ihre unzählige tausend Euro teuren Rennmaschinen auch mal bewegen und die Zeit nicht in Radsportfachgeschäften mit Apothekenpreisen und mit Schrauborgien verbringen. Und was ist eigentlich mit den Schürfwunden an den Armen? Oder die ebenfalls nicht ganz jungen Männer, die perfekt durchtrainiert sind und mit jedem zusätzlichen Ehejahr noch mehr trainieren und noch besser in Form sind − das Material, auf dem sie unterwegs sind, ist ihnen dabei völlig egal. Hauptsache weg von daheim. Dieser Sport ist eine rollende Freakshow und auf den stundenlangen Ausritten lernt man sie alle kennen. Radsport ist eine sehr kommunikative Sache.

Und mittlerweile haben wir alle unsere Traumata überwunden. Wirklich: "Contador ist wieder dabei", hieß es neulich. Ein Satz wie eine Befreiung. Alberto Contador, bewiesen ist das nicht, zählte wahrscheinlich zu den Kunden Fuentes’. Contador gewann 2007 und 2009 die Tour. Ich würde mir Eigenblut spritzen lassen, wenn er sauber gewesen sein sollte. Dieses Jahr will der Spanier nach einer zweijährigen Sperre wieder angreifen. Und ich werde dabei sein − jeden Nachmittag an meinem Fernseher. Und Karsten Migels wird auch dabei sein. Herrlich.

Geben wir dem Sport und seinen Fahrern eine zweite Chance. Sicher bin ich mir nicht, aber vielleicht hat das grauenhafteste Radsportjahrzehnt aller Zeiten bei so viel Beteiligten eine reinigende Wirkung erzielt, dass wir wieder Spaß mit dem Zirkus haben können − jetzt, wo sogar Jan Ullrich eingeräumt hat, Blutdoping von Fuentes bekommen zu haben und Lance Armstrong twittert, dass der Ulle ein "warmherziger Mensch" sei, "ein erstaunlicher Athlet, ein großartiger Wettkämpfer". Eufemanio Fuentes ist übrigens neulich zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden. Die Richter verhängten auch noch ein vierjähriges Berufsverbot. Die Staatsanwaltschaft geht in Berufung, will eine noch härtere Strafe. Alles wird gut.

Die Tour de France wird dieses Jahr 100. Das ist ein gutes Alter, um noch mal ganz von vorne anzufangen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen