Joachim Löw will "Gedanken ordnen"

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Letzte deutsche WM-Pressekonferenz gestern mit Bundestrainer Joachim Löw (v. l.), Bundespräsident Christian Wulff und DFB-Präsident Theo Zwanziger. ddp

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11. Juli 2010, 07:57 Uhr

Pretoria/Port Elizabeth | "Bronze" im Gepäck, den vierten Stern weiter fest im Visier, nur die ungeklärte Zukunft von Joachim Löw drückte ein wenig die Stimmung: Ehe die deutsche Nationalmannschaft nach ihrer erfolgreichen Fußball-WM in Südafrika am Sonntagabend glücklich und zufrieden in den Super-Airbus A380 nach Frankfurt/Main stieg, wirkte der Bundestrainer im vorläufigen Ruhestand nachdenklich. Nach den Strapazen der vergangenen Wochen befürchtet der 50-Jährige "eine gewisse Leere", die ihn in den nächsten Tagen befällt.

Während seine WM-Helden, die das 3:2 (1:1) im kleinen Finale gegen Uruguay in der Nacht von Samstag auf Sonntag noch ausgiebig gefeiert hatten, heute in den Urlaub aufbrechen, geht Löw für die nächsten Tage in Klausur. Zu Hause im beschaulichen Freiburg will Löw, der seit Wochenbeginn offiziell arbeitslos ist, seine Zukunft überdenken. "Ich brauche jetzt ein bisschen Zeit und Ruhe, um meine Gedanken zu ordnen", sagte Löw und betonte: "Unter den aktuellen Eindrücken kann ich noch keinen vernünftigen Gedanken fassen. Ich will keine emotionale Entscheidung treffen und muss mir darüber im Klaren werden, ob ich auch in Zukunft die Kraft habe, die Mannschaft weiter voranzutreiben".

Zunächst will Löw wie geplant ein Gespräch mit Teammanager Oliver Bierhoff führen. Bierhoff, dessen Zukunft ebenfalls bis zur nächsten Sitzung des Präsidiums des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am 30. Juli geklärt werden muss, kann die Gedankengänge des langjährigen Vertrauten kaum einordnen. "Er hat klare Vorstellungen, verlässt sich aber immer auch auf sein Gefühl. Es ist nach dem Druck der vergangenen Wochen schwer einzuschätzen, ob er weitermachen will oder nicht", sagte er und verglich die Situation mit 2006: "Jürgen Klinsmann lag vor vier Jahren ganz Deutschland zu Füßen, und er hat aufgehört, weil er merkte, dass er nicht mehr die Kraft für diese Aufgabe hat."

DFB-Präsident Theo Zwanziger versicherte vor dem Rückflug in die Heimat noch einmal, dass er alles dafür tun werde, dass "diese Mannschaft und auch der Trainerstab zusammen in die Zukunft gehen kann". Der Verbands-Chef rollte Löw zum wiederholten Male den roten Teppich aus: "Wir haben zwar noch keine Titel, aber wir können sie holen. Dazu brauchen wir einen Bundestrainer. Und das beste Argument für ihn ist die Mannschaft."

Bierhoff und Löw erklärten immerhin, dass ihnen die Aufgabe "sehr viel Spaß" gemacht habe, was auf eine weitere Zusammenarbeit hoffen lässt. Das wurde auch im Spiel um Platz drei deutlich, in dem die DFB-Auswahl drei Tage nach dem verlorenen Halbfinale gegen Spanien (0:1) noch einmal alle Kräfte mobilisierte und selbst nach einem 1:2-Rückstand in der Lage war, zurückzuschlagen.

"Champions stehen wieder auf, wenn sie mal verloren haben. Natürlich wären wir gerne zum Finale nach Soccer City gefahren, aber die Stimmung ist auch so ausgezeichnet. Denn wir haben allen Grund, zufrieden zu sein. Unsere Leistung entspricht einem Titel", sagte Löw nach diesem Kraftakt gegen Uruguay.

Sami Khedira sicherte mit seinem ersten Länderspieltor (82.) Platz drei. Zuvor hatten Thomas Müller mit seinem fünften Turniertor (19.) und Marcell Jansen (56.) getroffen. Edinson Cavani (28.) und Diego Forlán (51.) brachten die Urus zwischenzeitlich in Führung, der 36 Jahre alte und ansonsten ausgezeichnete Torhüter Jörg Butt war bei seinem ersten WM-Einsatz und zugleich seinem Abschied aus der Nationalmannschaft bei den Gegentreffern chancenlos.

Nachdem der grippekranke WM-Kapitän Philipp Lahm und seine Kollegen die Bronzemedaillen aus den Händen von Zwanziger, des neuen Bundespräsidenten Christian Wulff, sowie von Fifa-Präsident Sepp Blatter und des süfafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma erhalten hatten, richtete sich der Blick aber bereits nach vorne. "Wenn man mit dem dritten Platz zufrieden ist, hat man etwas falsch gemacht. In den nächsten Jahren wollen wir noch mehr", sagte Khedira. Mittelfeldpartner Bastian Schweinsteiger ergänzte: "Ich bin schon wieder heiß. Bei der EM und in vier Jahren bei der WM in Brasilien wollen wir Titel holen. Das Herz sagt, dass wir eine großartige Zukunft vor uns haben."

Dass die Mannschaft, die in sieben Spielen 16 Treffer erzielte, auch die Zukunft mit Löw bestreiten will, steht außer Frage. Nachdem ein historisches Scheitern in der Gruppenphase verhindert worden war und in den K.o.-Spielen gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) zwei Galaauftritte die Fußballwelt verzückt hatten, soll Löw ernten, was er in vier Jahren gesät hat. "Er muss weitermachen", forderte der starke Arne Friedrich und Per Mertesacker und Lukas Podolski meinten unisono: "Wir alle hoffen, dass er bleibt."

Bundesverdienstkreuz für Löw, Silbernes Lorbeerblatt für Spieler

Ein Wiedersehen wird es auf alle Fälle geben, selbst wenn Löw beim Länderspiel gegen Dänemark in Kopenhagen am 11. August nicht auf der Bank sitzen sollte. Löw soll das Bundesverdienstkreuz erhalten, die Nationalmannschaft mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet werden. Das kündigte Bundespräsident Wulff gestern an: "Die Mannschaft ist der beste Botschafter für Deutschland in der Welt. Unser Land kann dankbar und stolz sein auf die gezeigte Leistung."

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