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Helios-Kliniken in Schwerin : Jeder zehnte Patient ist DDR-geschädigt

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In der DDR erlittenes Unrecht kann bei Betroffenen auch zwei Jahrzehnte später zu traumatischen Störungen führen. Darauf hat der Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hingewiesen.

In der DDR erlittenes Unrecht kann bei den Betroffenen auch noch zwei Jahrzehnte später zu traumatischen Störungen führen. Darauf hat der Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Jochen-Friedrich Buhrmann, im Vorfeld einer Fachtagung der Helios-Kliniken in Schwerin hingewiesen. Das drücke sich in Panikattacken, Albträumen und vergetativen Störungen aus. Jeder zehnte seiner stationär behandelten Patienten sei inzwischen ein Opfer des DDR-Haftsystems oder der Staatssicherheit. Allerdings vertrauten sich viele Betroffene keiner Klinik an.

Inzwischen wirke sich, so Buhrmann, bei manchen Patienten auch wirkliches oder vermeintliches Unrecht der Nachwendezeit aus, in der die enormen Leistungen vieler DDR-Bürger in der Zeit der friedlichen Revolution seiner Meinung nach nicht anerkannt wurden. Das finde besonders in dem Unbehagen über das nicht eingelöste Versprechen einer neuen gesamtdeutschen Verfassung Ausdruck. Da sich zunehmend Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung im Alltag der Klinik widerspiegelten, sehen sich die Schweriner Mediziner in der Pflicht, die Ursachen auszuleuchten und die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, sagte Buhrmann.

Am kommenden Sonnabend diskutieren deshalb Fachleute und interessierte Laien über die "Rolle des Bürgertums in Vor- und Nachwendezeiten". Hinterfragt werden soll, was Bürgertum ausmacht und welchen Einfluss es in der DDR und in der Bundesrepublik in der Wendezeit hatte. Der rote Faden der Veranstaltung soll sich bis in die Gegenwart ziehen. Denn immer mehr, so Buhrmann, schwinde der Einfluss und die Bedeutung der einst von "bürgerlichen" Ideen und Werten geprägten Familien. Der Mediziner sieht darin einen der Gründe, dass seine Klinik immer mehr auffällige oder kranke Kinder behandeln muss. Buhrmann: "Es gibt Dreijährige, die keine elterliche Autorität akzeptieren und Zwölfjährige, die nur das Faustrecht kennen." Und die Eltern erwarteten von der Klinik, dies wieder ins Lot zu bringen.

Auf der Tagung sollen Historiker, Mediziner und Zeitzeugen zu Wort kommen. Mit von der Partie ist der langjährige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck.

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erstellt am 15.Jun.2011 | 12:06 Uhr

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