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Jeder Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall

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erstellt am 07.Mai.2010 | 07:08 Uhr

Bei einem Herzinfarkt sind die Symptome häufig eindeutig: beklemmende Enge, Druck, Ziehen, Brennen oder stechender Schmerz im Brustbereich. Ein Schlaganfall ist offenkundig nicht so leicht zu erkennen, denn am "Tag gegen den Schlaganfall" wird alljährlich am 10. Mai in der Öffentlichkeit dafür geworben, schon bei den ersten Symptomen den Rettungsdienst zu alarmieren - weil das viel zu häufig noch nicht passiert. Was sich ändern sollte, ließ sich Karin Koslik von Prof. Dr. med. habil. Bernd Frank erklären. Er ist Direktor der Helios Klinik Leezen, einer Akutklinik für Frührehabilitation mit interdisziplinärem Rehabilitationszentrum.

Welches sind die Schlaganfall-Warnsignale, auf die Betroffene oder Angehörige achten müssen?

Prof. Frank: Ein Schlaganfall äußert sich häufig durch folgende plötzlich einsetzende Symptome: Sprachstörungen, Sehstörungen nur eines Auges, Sensibilitätsstörungen wie ein gestörtes Berührungsempfinden, Kribbeln in den Gliedmaßen, als wären sie eingeschlafen, oder ein Taubheitsgefühl, das bis hin zu einer halbseitigen motorischen Lähmung reichen kann. Ein ziemlich deutlicher Hinweis auf einen Schlaganfall ist auch ein plötzlich herabhängender Mundwinkel. Weitere Symptome sind Schwindel oder plötzlich einsetzender starker Kopfschmerz.

Nun können viele diese Symptome aber auch auf andere Erkrankungen hinweisen. Oder es ist nur eine Schlaganfallvorstufe, eine TIA…

Eine TIA, also eine Transitorisch Ischämische Attacke, ist eine vorübergehende neurologische Störung, die in ihren Symptomen einem Schlaganfall gleicht, sich aber in der Regel nach 24 Stunden wieder vollständig zurückbildet. Doch welcher medizinische Laie will hier unterscheiden? Wer will wissen, ob die Symptome binnen kurzer Zeit wieder verschwinden? Leider warten in der Tat viel zu viele Patienten oder Angehörige erst einmal einen oder zwei Tage, ob sich der Zustand wieder bessert. Doch nach dem Auftreten eines Schlaganfalls zählt jede Minute. Je länger ein Patient unbehandelt bleibt, desto größere und vor allem irreparable Schäden können entstehen.

Wie viel Zeit sollte maximal bis zum Behandlungsbeginn verstreichen?

Das Zeitfenster bis zum Beginn der Lysetherapie - also der medikamentösen Auflösung des Blutgerinnsels, das ein Gefäß im Gehirn verstopft - ist in den letzten Jahren etwas größer geworden. Ging man früher davon aus, dass nur zwei Stunden zur Verfügung stehen, sind es heute vier bis viereinhalb Stunden. In diesem Zeitfenster müssen aber auch der Transport zur nächstgelegenen Stroke Unit und die neurologische Diagnostik des Patienten erfolgen.

Stroke Unit - was ist das?

Das sind spezialisierte und zertifizierte Schlaganfall-Stationen an großen Krankenhäusern. Sie müssen nicht nur an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr besonders qualifiziertes Personal und eine hochwertige technische Ausstattung vorhalten, sondern auch leitliniengerechte Diagnostik- und Behandlungsstandards garantieren.

Sie sagen es selbst, solche Abteilungen findet man an großen Kliniken. Davon gibt es in Mecklenburg-Vorpommern aber nicht viele. Patienten im ländlichen Raum haben also die Wahl, sich schnell zum nächstgelegenen Krankenhaus bringen zu lassen, oder sie steuern eine Stroke Unit an - und verlieren wertvolle Zeit. Was ist das kleinere Übel?

Der längere Anfahrtsweg ist in diesem Fall gerechtfertigt, denn die Prognose der Patienten ist in einer Stroke Unit deutlich besser. Letztlich fällt die Entscheidung aber sowieso nicht der Patient oder Angehörige - zumindest dann nicht, wenn er sich richtig verhält und sofort den Notruf 112 alarmiert. Dann entscheidet nämlich der Rettungsarzt über Art und Ziel des Transports. Wer allerdings ein Taxi ruft und sich damit, nach hoffentlich nicht allzu langer Wartezeit, erst einmal ins nächstgelegene Krankenhaus fahren lässt, verschenkt tatsächlich nicht nur wertvoll Minuten; er riskiert sein Leben.

Wie gefährlich sind Schlaganfälle?

Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Jährlich erleiden über 200 000 Bundesbürger einen Schlaganfall - die Mehrheit von ihnen im fortgeschrittenen Lebensalter. Aber es gibt keine Altersgrenze nach unten. Der jüngste Schlaganfall-Patient, den ich kennengelernt habe, war zum Beispiel gerade zwölf Jahre alt.

Unabhängig vom Alter verstirbt mehr als ein Drittel der Patienten innerhalb des ersten Jahres nach dem Schlaganfall. 70 Prozent der Überlebenden bleiben langfristig behindert. 64 Prozent der überlebenden Patienten bleiben ein Jahr nach dem Schlaganfall pflegebedürftig - davon müssen nach Angaben der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe ungefähr 15 Prozent in einer Pflegeeinrichtung versorgt werden. Nur ein Drittel aller Schlaganfallpatienten erreicht überhaupt wieder eine volle berufliche Rehabilitierung.

Sie leiten eine Akutklinik zur neurologischen Frührehabilitation. Was können solche Einrichtungen für Schlaganfallpatienten tun?

Es ist der Idealfall, dass ein Patient zuerst in einer Stroke Unit und anschließend in einer Einrichtung zur neurologischen Frührehabilitation versorgt wird. Bei diesen Patienten sind die Langfristfolgen des Schlaganfalls erwiesener Maßen am geringsten. Allerdings gibt es bei Weitem nicht genug Plätze in solchen Einrichtungen - Leezen ist zum Beispiel die einzige Klinik in Norddeutschland, die schwer bewusststeinsgestörte und auch beatmungspflichtige Schlaganfallpatienten frührehabilitativ versorgt. 85 Prozent der Patienten hier in Leezen kommen nicht aus unserem Bundesland.

Kann man einem Schlaganfall vorbeugen?

Auf jeden Fall. Zwar gibt es Risikofaktoren wie das Alter oder die Vererbung, die nicht beeinflussbar sind. Auf andere kann - und sollte - man aber sehr gut Einfluss nehmen: Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, mangelnde Bewegung, Rauchen, bei jüngeren Frauen womöglich noch kombiniert mit der Einnahme der Pille… Das alles lässt sich ändern, auch dann noch, wenn man einen ersten Schlaganfall überlebt hat. Denn weitere sind bei unveränderter Lebensführung nicht ausgeschlossen.

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