Ist das Handy verzichtbar?

von
11. Juni 2008, 10:28 Uhr

PRO


Markus Gärtner, „Hi, wie geht’s dir?“ „Super, selbst?“ „Ja. Wo bist’n?“ „Ich stehe hinter dir.“ „Ja, bis dann.“ Auf diesem Niveau spielt sich wohl ein Großteil der Gespräche übers Mobiltelefon ab. Aber der Austausch von Sinn- und Belanglosigkeiten ist zum Trend einer hyperkommunikativen Gesellschaft geworden. Nur selten hat ein Anruf einen tieferen Sinn – und wenn, dann wird die gesamte Umwelt Zeuge der Abgründe mancher Mitmenschen, die mir ihr Privatleben an der Supermarktkasse ins Ohr pressen. Doch es geht noch schlimmer: Der furzende Frosch oder anderer Klingelton-Horror in der Straßenbahn, der meist von noch grausameren Kommentaren vor sich hinpubertierender Jugendlicher flankiert wird. Oder die Bumm-Bumm-Musik, mit der die Kids aus ihrem Gerät ihre Umgebung penetrieren. Fremdschämen ist der Trend, der am meisten vom Handyboom profitiert.
Und: NEIN, ICH MUSS NICHT STÄNDIG ERREICHBAR SEIN! Wer seine Gespräche nicht planen kann, ist sowieso verloren in dieser überorganisierten Welt. Und wenn man dann mal selber jemanden im Notfall auf dem Handy anruft, kommt mit Sicherheit die Mailbox oder die freundliche Frau:„...vorübergehend nicht erreichbar...“. Lange Jahre erntete ich fassungslos-mitleidige Blicke: „Wie – du hast kein Handy?“ Es ging und geht auch ohne – nur nicht für meine Freunde. So kam es zum Geburtstag, dass es im Päckchen klingelte, und ich musste mich dem Willen der Masse beugen...


Kontra


Mary-Ellen Rudloff, Ich erinnere mich, als wäre es gestern! Der 17. März 1998, ein Dienstag. Der Tag war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Mit leuchtenden Augen strahlte ich den Mitarbeiter eines Telefonanbieters an, als er mir mein erstes Mobiltelefon überreichte. Es war dunkelblau, hatte eine gigantische Antenne und war im Vergleich zu den heutigen Geräten eine richtige Telefonzelle. Ich liebte es von der ersten Sekunde an! Überglücklich verließ ich das Geschäft und mit mir mein neuer treuer Partner.

Das Handy begleitet mich in sämtlichen Lebenslagen und lässt mich immer erreichbar sein. Zahlreiche Abenteuer und wichtige Entscheidungen erleben wir seitdem nur noch in trauter Zweisamkeit, und nur ganz selten hat es mich im Stich gelassen. Ob als Übermittler oder Sender großer Liebesschwüre, witziger Geburtstagsgrüße, unerwarteter Foto-Momente oder wütender Anrufe – mein Telefon ist immer mit von der Partie und oft verlässlicher als mancher Freund. Kaum vorstellbar, dass ich vorher ohne Mobiltelefon gelebt – oder besser – überlebt habe. Wie hat man bloß das endlose Warten auf den Bus überstanden, Verabredungen verschoben, Freunde verlassen, Musik gehört, Eltern beruhigt oder den Pannendienst auf einer einsamen Landstraße gerufen? Unvorstellbar all diese Dinge ohne tragbaren Begleiter geschafft zu haben. Ein Leben ohne Handy? Unmöglich! Früher war eben doch nicht alles besser!

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