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Fünf Sexualdelikte in den vergangenen drei Monaten : In Stralsund wächst die Angst

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Fünf Sexualdelikte binnen dreier Monate lassen vielen Hansestädtern den Atem stocken. Vor allem Frauen und Eltern haben Angst vor immer neuen Vorfällen.

svz.de von
erstellt am 03.Nov.2011 | 07:20 Uhr

Dunst liegt an diesem Morgen über Stralsund. Nebel schiebt sich durch die Straßen, das Meer ist kaum zu sehen. Irgendwo hinter der diesigen Wand kreischen Möwen. Die Hansestadt sieht ein bisschen so aus wie London zu Zeiten von Jack the Ripper. Dieser Tage ist der Vergleich mehr als bloß eine Metapher. Denn fünf Sexualdelikte binnen dreier Monate lassen vielen Hansestädtern den Atem stocken. Vor allem Frauen und Eltern haben Angst vor immer neuen Vorfällen.

In der ruhigen Wohngegend macht sich Unruhe breit

Auch der kleine Park an der Straße "Hinter der Brunnenaue" liegt im Nebel. Gegenüber stehen Villen, gepflegt und ordentlich. Es ist eine ruhige Wohngegend, nur selten muss die Polizei anrücken. Doch genau hier gab es schon zwei Vorfälle. Erst am vergangenen Sonntag griff laut Polizei mindestens ein Täter eine 14-Jährige an. Es war 21.30 Uhr, es war dunkel, es war ruhig. Der Mann zerrte das Mädchen in ein Gebüsch, berührte sie, versuchte offenbar, sie zu vergewaltigen. Doch das Mädchen wehrte sich, konnte sich losreißen und entkommen. Nicht der erste Fall in der unbelebten Straße, die einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt.

Exakt drei Monate zuvor, am 30. Juli, hatte ein Mann eine 20-Jährige mit vorgehaltenem Messer zu sexuellen Handlungen gezwungen. Auch damals war es ein Wochenende gewesen, auch damals die Straße "Hinter der Brunnenaue", auch damals hatte der Täter den Schutz der Dunkelheit gesucht. Die Polizei glaubt an einen Zusammenhang zwischen den beiden Taten. Wohnt der Täter in der Gegend? Nutzt er den ruhigen Park gezielt, um möglichst wenige Zeugen zu haben? Fragen, die die Polizei nicht beantworten möchte. "Wir ermitteln mit Hochdruck, möchten uns aber aus taktischen Gründen nicht detailliert äußern", sagt Andreas Scholz vom Polizeipräsidium Neubrandenburg. Sogar die Sonderermittlungsgruppe hat die Polizei erweitert. Jetzt ermitteln sechs Polizisten, vorher waren es vier gewesen.

Nur wenige Schritte vom Tatort entfernt liegt die Kindertagesstätte Brunnenaue. Zwischen ein paar Bäumen scheint das Backsteingebäude hindurch. Das Haus ist kameraüberwacht, so steht es jedenfalls auf einem Schild neben der Tür. Es ist Mittag, die meisten Kinder schlafen. Ein Kind schreit. Leiterin Silke Schulz spricht nicht gerne über die Vorfälle in unmittelbarer Nähe ihrer Einrichtung. "Klar ist das Thema bei den Eltern", sagt sie. Seither habe man ein besonders wachsames Auge auf die Kinder, fügt sie noch an.

Ein wachsames Auge, das haben auch die Lehrer an der Juri-Gagarin-Grundschule im Stadtteil Knieper Nord. Der Stadtteil ist ein ziemliches Kontrastprogramm zu der schicken Wohngegend an der Brunnenaue. In Knieper Nord reiht sich Plattenbau an Plattenbau, Hochhaus an Hochhaus. Dazwischen teilen Straßen das Viertel auf wie ein Schachbrett. Etwas abseits liegt ein kleiner Teich, der Entenweiher. Hier versuchten zwei Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren Anfang Oktober, eine Frau zu vergewaltigen. Auch dieses Opfer konnte flüchten.

Der Tatort liegt auf dem Schulweg vieler Schüler der Juri-Gagarin-Grundschule. Es ist 13.30 Uhr, die Schulglocke bimmelt. Schreiende Kinder stürmen aus dem Gebäude. Vor der Schule stehen ein paar Eltern, um ihre Kinder abzuholen. Diana Neumann wartet auf ihre Tochter. Sie ist nicht erst seit der versuchten Vergewaltigung in der Nähe der Schule besorgt um ihr Kind. "Ich hole meine Tochter jeden Tag ab vor lauter Angst", sagt sie. Auch das sei ein Grund, warum sie keine Arbeit finde. "Mein Kind allein nach Hause gehen zu lassen - das kommt für mich nicht in Frage", sagt die Mutter. Schulleiterin Elke Ehlke kann das gut verstehen. Sie kennt die Ängste der Eltern nur zu gut. "Viele machen sich Sorgen, das ist doch klar", sagt sie. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Tat seien die Kinder vorsichtshalber belehrt worden. "Sowieso gibt es regelmäßig Präventionsmaßnahmen", sagt die Schulleiterin. Doch nicht nur die Kinder und Eltern haben Angst. Auch die Lehrer machen sich ihre Gedanken. Zumindest die weiblichen. "Mir ist schon manchmal mulmig zumute", gibt Anne-Kathrin Beer, die stellvertretende Schulleiterin, zu. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit. "Ich laufe trotzdem jeden Morgen mit meinem Hund", sagt Schulleiterin Ehlke. Und das, obwohl sie im Stadtteil Grünhufe wohnt.

Erster Ermittlungserfolg: Polizei nimmt Mann fest

Auch hier gab es schon einen Vorfall. Laut Polizei könnten es dieselben zwei Täter gewesen sein wie am Entenweiher in der Wallensteinstraße. Sie griffen eine 18-Jährige an, einer berührte die junge Frau "unsittlich", wie es im Polizeijargon heißt.

Einen Täter hat die Polizei bereits festnehmen können. Er steht im dringenden Verdacht, Anfang Oktober eine 44-Jährige am Frankenteich vergewaltigt zu haben. Mitten in der Stadt.

In der Altstadt ist von Angst trotzdem nur wenig zu spüren. Touristen schlendern durch die Gassen. Alltag in der Hansestadt. Harry Abraham arbeitet in einer öffentlichen Toilette auf dem Neuen Markt. "In Stralsund passieren nur selten solche Sachen und ich hoffe, dass sich das alles bald wieder beruhigt", sagt der Rentner. Das hoffen alle in der Stadt am Meer. Zu Panik neigen die meisten hier von Natur aus sowieso nicht. Klar ist allerdings: Mit jeder Tat wird die Angst steigen.

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