In Güstrow streikt kein Arzt

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26. März 2008, 10:10 Uhr

Am Vormittag Sprechstunde in Jürgenshagen. Nach dem Mittagessen Hausbesuche in Jürgenshagen, Viezen und Göllin. Es folgt die Abrechnung am Computer. Am späten Nachmittag dann Sprechstunde in Bernitt. Landarzt Andreas Kasbohm hatte gestern wieder ein volles Tagespensum. Geschlossene Praxisräume gab es bei ihm und den anderen 113 niedergelassenen Ärzten im Landkreis Güstrow nicht.

Der Verein „Freie Ärzteschaft“ hat in dieser Woche zu Protesten gegen die Gesundheitspolitik aufgerufen. „Dieser Verein ist in unserem Land nicht vertreten“, erklärt Eveline Schott, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung MV (KV). Andere Ärztevereinigungen würden sich an den Protesten nicht beteiligt.

Die Sorgen und Nöte der Kollegen kennt aber auch Andreas Kasbohm, der seit 1992 als Landarzt tätig ist. „Der Aufwand für nicht ärztliche Dinge nimmt immer mehr zu. Die Praxis-Gebühr, die Abrechnungsmodalitäten, die Beratung der Patienten z.B. über die Kosten, das alles nimmt sehr viel Raum ein.“ Hinzu kämen die ökonomischen Zwänge. „Da ist auf der einen Seite das hohe Anspruchsdenken der Patienten. Das ist ja auch ihr Recht. Auf der anderen Seite steht das, was ich wirklich mache, was ich abrechnen und verschreiben darf“, erklärt Andreas Kasbohm. Mache man da einen Fehler, gebe es gleich Regressforderungen, sagt Andreas Kasbohm. „Die Politik lässt uns mit diesen Problemen allein.“

Auf die schlechtere Vergütung der Leistungen im Osten verweist Gabi Handwerker von der KV-Kreisstelle in Güstrow. „Die Honorierung fällt hier noch immer um rund 20 Prozent geringer aus als in westlichen Ländern.“ Auch bei der Pro-Kopf-Pauschale je Quartal stünden den hiesigen Ärzten weniger Medikamente zur Verfügung.

Das alles macht den Beruf nicht attraktiver. Die Folge: drohender Ärztemangel. Schon jetzt sind nicht alle Hausarztstellen besetzt. Im Landkreis Güstrow dürften entsprechend der Einwohnerzahl 71 Hausärzte praktizieren, vier Stellen sind aber frei. Im Landkreis Bad Doberan gibt es nur 66 von 81 möglichen Hausarztpraxen. Von diesen praktizierenden Ärzten sind aber 19 (Kreis Güstrow) bzw. 22 (Doberan) schon älter als 60 Jahre. „Dann gibt es noch viele Kollegen um die Mitte 50“, sagt Eveline Schott. Nur selten gibt es einen nahtlosen Übergang wie in Bützow, wo Dr. Sabine Schulz-Pardeyke in die Fußstapfen ihrer Mutter Dr. Marianne Pardeyke tritt.

Die Kassenärztliche Vereinigung rechnet damit, dass allein im Kreis Güstrow in den nächsten Jahren jede zweite Hausarztpaxis schließen muss, weil es keine Nachfolge gibt.

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