In der Frühe kam der Bagger

Die Hiddenseer glaubten gestern ihren Augen nicht: Das Palucca-Haus war nur noch ein Trümmerhaufen.
Die Hiddenseer glaubten gestern ihren Augen nicht: Das Palucca-Haus war nur noch ein Trümmerhaufen.

Für das Palucca-Haus auf der Insel Hiddensee kam der Denkmalschutz zu spät. Gestern ließ der Berliner Eigentümer das Haus, in dem die weltberühmte Tänzerin Gret Palucca (1902-1993) den Sommer über lebte, abreißen. Entsetzen auf Hiddensee und bei den Dresdner Palucca-Freunden.

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20. März 2009, 07:48 Uhr

Der Bagger kam morgens mit der Fähre um Neun. Keine Firma aus Hiddensee hätte sich für diese schändliche Arbeit gefunden. Davon ist Dr. Christiane Wolff überzeugt. Als die Geschäftsführerin der Insel Information mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, war das Palucca-Haus nur noch ein ein einziger Schutthaufen.

Konrad Hirsch, Vorsitzender der Dresdner Initiative Palucca Haus Hiddensee, erfuhr gestern am Telefon von einem Fischer, dass die 550 Unterstützer in den vergangenen drei Monaten umsonst gekämpft und 50 000 Euro gesammelt hatten. "Ich bin geschockt und empört und sehr, sehr traurig", sagte Hirsch und erzählt von einem Zehnjährigen, der stundenlang auf den Straßen von Dresden Geige gespielt hatte und schließlich 60 Euro für den Kauf des geschichtsträchtigen Hauses, erbaut 1961, spenden konnte. Mit den gesammlten Geldern und einem Kredit wollte die Palucca-Initiative am kommenden Sonnabend bei der Versteigerung des Hauses mitbieten. Das Mindestgebot liegt bei 398 000 Euro.

Eigentümer schuf vollendete TatsachenDer Berliner Eigentümer war schneller und ist nun Plänen des Landkreises Rügen, des Landesamtes für Denkmalpflege und des Kultusministeriums MV zuvorgekommen, das bedeutende Künstlerhaus unter Denkmalschutz zu stellen. Er hat vollendete Tatsachen geschaffen.

Im Haus von Kultusminister Henry Tesch (CDU), der die Erhebung zum Denkmal auf Bitte seiner sächsischen Amtskollegin Eva-Maria Stange (SPD) eingeleitet hatte, hielt man sich mit Erklärungen zurück. "Wir haben den Denkmalstatus verliehen", erläuterte Ulf Tielking, Leiter des Ministerbüros, auf Nachfrage unserer Zeitung. Allerdings sei die nun angesichts der gültigen Baugenehmigung nötige Interessenabwägung mit dem Eigentümer Sache des Verkehrsministeriums und des Landkreises Rügen gewesen.

"Wir bedauern den Verlust", betonte auch Dr. Michael Bednorz, Chef des Landesamtes für Denkmalpflege. Aber der Abriss sei nicht zu verhindern gewesen, da die am Donnerstag verkündete Erhebung zum Denkmal an der Gültigkeit der Bau- und Abriss-Genehmigung nichts geändert habe. Bednorz: "Der Landkreis Rügen hätte die Genehmigung zurückziehen müssen."

An der Spitze des Landkreises allerdings herrschte gestern anfangs helle Überraschung, Landrätin Kerstin Kassner (Linke) war unerreichbar im Urlaub. "Mir ist noch gar nicht bekannt, dass das Palucca-Haus abgerissen wurde", so der Chef des Katasteramtes und amtierende Landrat Bernd Lehmann am frühen Nachmittag. Über den Denkmalstatus sei man informiert, allerdings habe es seines Wissens nach noch keinen Termin für die Gespräche zwischen Ministerium und Landrätin gegeben. Eine schnelle Rücknahme der Abriss-Genehmigung sei nicht so einfach: "Wir hätten prüfen müssen, welche rechtlichen Folgen die Rücknahme hat", so Lehmann.

Fassungslosigkeit auf HiddenseeAuf Hiddensee ist das Entsetzen groß. "Ein Teil der Geschichte unserer Insel ist für immer verloren", sagt Dr. Wolff, die gemeinsam mit der Palucca-Schule Pläne für ein kulturelles Zentrum in dem Vitter Haus geschmiedet hatte. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Eigentümer noch mit gutem Gewissen über unsere Insel gehen werden." "Was sollen wir jetzt noch mit dieser feuchten Wiese?", so Konrad Hirsch aus Dresden und fragt in Richtung Norden: "Warum stand das Haus nicht längst unter Denkmalschutz? Wie will MV diesen Verlust erklären?"

Vielleicht damit, dass man den Denkmal-Status zu früh verkündete und so den Eigentümer auf die Idee brachte, Fakten zu schaffen? Nein, sagt Dr. Bednorz, er sehe es eher umgekehrt: "Man kann ja auch mal mit der Vernunft der Leute rechnen."

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