In Dassow bleiben Lohnkonten leer

Branchenkenner haben es erwartet, die Geschäftsführung hat stattdessen immer wieder mit Hoffnungsbotschaften beschwichtigt, nun steht das CD-Werk Dassow doch wieder am Ende: Europas einst größte DVD-Schmiede ist insolvent. Sechs Wochen vor Weihnachten stehen 110 Mitarbeiter vorerst ohne Lohn da.

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12. Mai 2011, 01:22 Uhr

Grevesmühlen - Das war es wohl: Bis zuletzt haben die Dassower CD-Werker gehofft, dass die sich schon vor Wochen erneut andeutende Krise an ihnen vorbeigeht. Spätestens beim Blick auf das Gehaltskonto wurde es für viele jetzt zur Gewissheit. „Am Dienstag hätte der Lohn überwiesen sein müssen“, erklärte Betriebsrat Jürgen Thiergart am Mittwoch. Stattdessen aber hagelte es gestern besorgte Anfragen über den ausbleibenden Lohn – das seit einem Jahr von Hiobsbotschaften geschlagene Unternehmen ist erneut pleite.

Unter den 110 Beschäftigten wächst der Frust: Das ist der Gau, das ist schrecklich, meint Thiergart. Wieder einmal werde „mit den Gefühlen der Menschen gespielt“, fühlen sich die CD-Werker sowohl von der Geschäftsführung als auch von der Politik verlassen. Dabei hatte das Management noch vor eineinhalb Wochen versucht, alle Krisengerüchte zu zerstreuen. Der dänische Dicentia-Konzern halte an Dassow trotz fehlender Nutzungsrechte fest. Das Werk stehe nicht zum Verkauf und verfüge über zahlreiche Aufträge. In Kürze wollte man die notwendigen Lizenzen erhalten, versicherte die Geschäftsführung. Stattdessen wurden die Mitarbeiter erneut enttäuscht.

Nordwest-Landrätin Birgit Hesse bedauerte die Entscheidung: „Wir hoffen im Interesse der Beschäftigten, dass es in irgendeiner Weise im CD-Werk weitergeht“, sagte die SPD-Politikerin. „Wir stellen gleichzeitig die Bitte an das Land, hierbei zu unterstützen.“ Das Land hielt sich zurück, erinnerte allerdings daran, dass für große Teile des ehemaligen CD-Werkes andere Investoren gefunden werden konnten, hieß es im Wirtschaftsministerium.

Für Dutzende der Mitarbeiter endet der erneute Insolvenzantrag indes in einem finanziellen Desaster. Viele der Beschäftigten seien noch vor Wochen arbeitslos gewesen, sagt Thiergart. „Da ist kein Geld mehr auf dem Konto.“ Viele hätten Kinder. Wenn jetzt der Lohn ausbleibe, wüssten viele nicht mehr wie es weitergehen soll. Die Dassower haben den Mut längst verloren. „Wir haben keine Kraft mehr, auf die Barrikaden zu gehen“, meinte Thiergart und hofft dennoch, dass die erneute Pleite nicht das endgültige Ende der CD-Produktion in Dassow ist.

Das schließen Fachleute indes nicht aus. Der Einstieg des Dicentia-Konzerns galt als letzte Chancen für den CD-Standort. Ungeachtet dessen erneuerte die spanische Iberdisc-Gruppe ihr seit Wochen stehendes Übernahmeangebot. Das Unternehmen brauche dringend Kapazitäten und würde sofort 150 Mitarbeiter beschäftigen, versicherte Iberdisc-Manager Horst Requardt. Mit diesem Angebot waren die Spanier bislang zumindest im Gläubigerausschuss und bei Insolvenzverwalter Marc Odebrecht abgeblitzt. Insider hatten hinter dem Iberdisc-Engagement den Manager vermutet, der das Werk vor einem Jahr in die Pleite führte: Ex-Chef Wilhelm F. Mittrich. Seine Frau soll Gesellschafterin bei den Spaniern sein, hieß es. Requardt dementierte: Es gebe keine Verbindung zu Mittrich.

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