Im Plattenbau kein Polit-Interesse?

Durchschnittlich 44 Prozent der Schweriner stimmten beim Bürgerentscheid ab. Die geringste Beteiligung gab es in den Plattenbaugebieten Krebsförden mit 26 und Mueßer Holz 28 Prozent. Woran kann es gelegen haben? Und was dagegen tun? Eine Analyse.

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29. April 2008, 08:22 Uhr

Schwerin - Ein Desinteresse an öffentlichen Prozessen unter den Bewohnern von Plattenbausiedlungen ist für die Experten des vhw-Bundesverbandes für Wohneigentum und Stadtentwicklung insgesamt in den neuen Bundesländern zu erkennen, sagt Bernd Hallenberg, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des vhw. „Wir haben über Jahre die Situation in den Plattenbaugebieten wissenschaftlich analysiert – von Leipzig bis Luckenwalde. Daher kennen wir die Bewohnerstruktur ziemlich genau, sowohl unter sozialen Gesichtspunkten als auch vom Milieu her“, berichtet Hallenberg.

Vier verschiedene Gruppen haben die Analysten ausgemacht. Sie alle eine eines: „Es gibt wenig Bereitschaft, sich an politischen Prozessen zu beteiligen“, sagt Hallenberg. „Und wenn doch, dann neigen diese Bürger zur provokativen Haltung, was Extremen – linken wie rechten – das Tor öffnet.“ Ein Aussage, die durch das Schweriner Kommunalwahlergebnis 2004 gedeckt wird: Die rechtsextreme NPD fuhr damals im Mueßer Holz die meisten Stimmen ein.

Stadtentwicklungs-Experte Hallenberg hat gemeinsam mit den Analytikern des Bundesverbandes die Gruppierungen benannt: Der „Traditionalist“ sage, „ich kann doch ohnehin nichts bewirken“ und kapsele sich ab. Der „DDR-Nostalgiker“ dagegen, so die Analyse, zeige „eine generelle Ablehnung gegen alles Neue“. Hinzu kämen die „Hedonisten“, für die das Streben nach Sinneslust das höchste Gut sei. „Die wollen nur Spaß am Leben haben. Politik gehört für sie nicht dazu“, sagt Hallenberg. Den „Materialisten“ wiederum fehle häufig die Kenntnis von politischen Belangen, analysiert Hallenberg.

„Bürger in Planung und Gestaltung mehr einbeziehen“

Einen klaren Weg aus der Misere kennen die Experten des vhw aber auch nicht, gibt Hallenberg zu. „Die Bürger müssen in Planung und Gestaltung stärker einbezogen werden. Dafür muss die Kontaktaufnahme mit ihnen verbessert werden. Neue, unkonventionelle Wege sind nötig“, sagt Hallenberg. „Aber irgendwann ist auch das Ende der Fahnenstange erreicht.“
Das weiß auch Peter Majewsky von der WGS zu berichten. Wenn im Mueßer Holz über Wohnumfeldgestaltung informiert oder zum Frühjahrsputz aufgerufen werde, kämen dort stets weniger Bürger als in anderen Stadtteilen.

„Jeder Zweite lebt im Mueßer Holz von Hartz IV“

Auch für die Schweriner Kommunalpolitiker ist es nicht verwunderlich, dass gerade in den Plattenbaugebieten aus DDR-Zeiten am Stadtrand wie Krebsförden und Mueßer Holz so wenige sich für den Bürgerentscheid zur Abwahl von Norbert Claussen interessiert haben. „Jeder Zweite lebt dort von Hartz IV. Die Leute haben vor allem mit sich selbst zu tun. Da interessiert es wenig, wer gerade auf dem OB-Sessel sitzt“, sagt Daniel Meslien (SPD). Städtebauförderung könne zwar die Stadtteile verschönern. „An der privaten Situation ändert sich dadurch nichts“, so Meslien. „Das politische Desinteresse ist also eigentlich kein Stadtteil-Problem, sondern ein Hartz-IV-Problem. So traurig und hilflos es klingt: Die Politik kann da kaum etwas ändern. Einzig mehr Arbeit würde helfen.“

Ganz so drastisch sieht es Gert Rudolf (CDU) nicht. „Wir müssen zwischen den Vermietern in den Stadtteilen einen Dialog anregen, um die Bürger aus Neu-Krebsförden und dem Mueßer Holz in Schwerin weiter zu integrieren“, sagt Rudolf. Allerdings müsse die Kommune dabei sehen, was angesichts der Finanzsituation machbar sei. „Städtebaulicher Aktionismus ist kein guter Ratgeber“, so der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS), der aber zugibt: „Zugemauerte Wohnblöcke sind eher Anti-Werbung für den Stadtteil.“ Das niedrige Mietniveau habe zudem zu einer Konzentration der sozial Schwachen geführt. Da wiederum teilt Rudolf die Auffassung seines SPD-Kollegen im WGS-Aufsichtsrat.

Für Jan Szymik von den Unabhängigen Bürgern ist der hohe Migrationsanteil im Mueßer Holz ein Hauptgrund für das Fernbleiben von der Wahlurne. „Der Oberbürgermeister spricht nicht die Sprache dieser Leute“, sagte Szymik. „Die Bürger fühlen sich oftmals ausgegrenzt und reagieren entsprechend, wenn es um Belange der Stadt geht.“ Dennoch dürfe deshalb das Mueßer Holz nicht aufgegeben werden – „weder politisch noch städtebaulich“, so Szymik. „Dort Schulen oder Kindertagesstätten zu schließen, ist das völlig falsche Signal. Infrastruktur muss aufgebaut werden. Mit der Öffnung der Hamburger Allee nach Consrade könnte die Sackgassenfunktion des Stadtteils aufgehoben werden.“

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