Dömitz: Gedenkabend zu Zwangsaussiedlungsaktionen : Im Frieden aus der Heimat deportiert

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Zitternde Hände hatte die 85-jährige Christel Fuhrmann, als sie das DVD-Gerät drückte. Die Ur-Dömitzerin hatte zum Gedenkabend in den Clubraum der Volkssolidarität eingeladen.

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21. Oktober 2011, 11:56 Uhr

Zitternde Hände hatte die 85-jährige Christel Fuhrmann, als sie vorgestern Abend das DVD-Gerät drückte. Die Ur-Dömitzerin hatte gemeinsam mit dem Hagenower Ehrenbürger und Chronisten Kuno Karls (kleines Foto) zum Gedenkabend an die beiden Zwangsaussiedlungsaktionen, durch die DDR-Staatsmacht in den Jahren 1952 und 1961 angeordnet, in den Clubraum der Volkssolidarität eingeladen. Wie mit den vom Staat als Risikofaktoren für den sozialistischen Frieden gebrandmarkten Menschen von Dömitz bis Boizenburg umgegangen wurde, wie sie im Frieden aus ihrer Heimat herausgerissen und deportiert wurden, dass fesselte knapp 50 Zuhörer.

Es war totenstill, als die Schüler Dominic Housten und Melissa Nowe vom Gymnasialen Schulzentrum Dömitz zwei niedergeschriebene Passagen von Zeitzeugen dieser Vertreibung vorlasen. Selbsttötung, wie es ein 15-jähriger Junge 1952 aus Verzweiflung, sein Zuhause für immer verlassen zu müssen, wählte, das war immer wieder ein niederschmetterndes Thema in diesem Jahr, riefen Kuno Karls und Christel Fuhrmann in Erinnerung. Seelisch zerstört gaben sich insbesondere die Alten auf, nachdem sie 1952 in Zugwaggons gepfercht, nach Nirgendwo verfrachtet wurden. Von der stets präsenten Staatssicherheit und der Volkspolizei erfuhren sie kein Sterbenswörtchen. Die Unerwünschten erfuhren nur: "In 48 Stunden müssen Sie Haus und Hof verlassen haben." So manch ein Betroffener dachte, es gehe nun in die Verbannung nach Sibirien, berichteten Zeitzeugen in dem bemerkenswerten Dokumentarfilm von Kuno Karls.

"Nicht immer gaben staatliche Interessen den Anstoß für eine Zwangsumsiedlung", spielte nicht allein Zeitzeugin Fuhrmann auf Neider an. Sie musste am 3. Oktober 1961 in aller Herrgottsfrühe miterleben, wie ihre Eltern mit etwas Mobiliar aus ihrem Haus und der eigenen Gärtnerei auf die Ladefläche eines Lkw gepfercht wurden.

Dömitz für immer verlassen musste neun Jahre zuvor auch die Familie Ebel. Sie besaßen das Hotel Stadt Hamburg. Neuer Besitzer wurde die Volkspolizei: Unten die Meldestelle, oben wohnte der Polizeichef. Seit der Wende steht das Haus an markanter Stelle der Stadt zum Verkauf. Die Aktionen "Ungeziefer" und "Kornblume" haben viele leidvolle Narben hinterlassen.

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