zur Navigation springen

Projekt Bürgerarbeit soll Lanzeitarbeitslose fit für den Arbeitsmarkt machen : Ihr größter Wunsch: Raus aus Hartz IV

vom

"Ich möchte nur eins: Raus aus Hartz IV", sagt Ingelore Wiesel aus Schwerin. Sie ist eine von tausenden Langzeitarbeitslosen im Land, die im Rahmen des Projektes Bürgerarbeit intensiv betreut werden sollen.

svz.de von
erstellt am 24.Mär.2011 | 08:22 Uhr

Schwerin | So nah war Ingelore Wiesel ihrem Traum schon lange nicht mehr. "Ich möchte nur eins: Raus aus Hartz IV", sagt die 50-jährige Schwerinerin. 18 lange Jahre ist sie nun schon arbeitslos, unterbrochen von kleineren Beschäftigungen. Bevor ihre Tochter 1993 geboren wurde, hatte sie in einer Schulküche gearbeitet. Doch nach der Babypause konnte sie auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr richtig Fuß fassen. Jetzt schöpft Ingelore Wiesel wieder Hoffnung. Sie ist eine von 7000 bis 8000 Langzeitarbeitslosen im Land, die im Rahmen des Bundesprojektes Bürgerarbeit intensiv betreut und qualifiziert werden sollen, um ihre Chancen auf eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt zu erhöhen. Für diejenigen von ihnen, die den Sprung nicht schaffen, sollen laut Wirtschaftsministerium bis zum Jahresende rund 1600 geförderte Bürgerarbeitsstellen in MV eingerichtet werden. Die Beschäftigungen sind sozialversicherungspflichtig. Sie sollen im öffentlichen Interesse und zusätzlich sein. Bislang wurden landesweit allerdings erst 163 solcher Stellen vergeben.

Bis Ende März befindet sich Ingelore Wiesel noch in der so genannten Akti vierungsphase. Sie hat einen Computerkurs belegt, ihre Bewerbungsunterlagen modernisiert und ein Praktikum als Küchenhilfe absolviert. "Ich habe viel Neues gelernt. Das hat Spaß gemacht, und ich bin endlich wieder unter Leute gekommen", erzählt sie. Was vielleicht noch wichtiger ist: Die 50-Jährige hat Kraft, Motivation und Selbstvertrauen getankt. So viel, dass sie sich bereits eigenständig um eine mögliche Bürgerarbeit bei der Kindertafel bemüht hat. "Ich hoffe, es klappt", sagt sie.

Zu Beginn der Aktivierungsphase war sie noch 49 Jahre alt - und fiel damit in die Zielgruppe, die in Schwerin bei der Bürgerarbeit besonders berücksichtigt wird: Frauen zwischen 45 und 49 Jahren. Auch Migranten stehen im Fokus des Jobcenters. "Das sind die beiden Gruppen, für die es bislang nur wenige Angebot gab", sagt Teamleiterin Monika Schmidt. Insgesamt will Schwerin 125 Bürgerarbeitsstellen schaffen, etwa bei der Betreuung im Pflegeheim oder bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Start ist am 1. April.

Teilnehmer sind nicht arbeitslosenversichert

In Güstrow sollen es 150 Plätze werden, 39 davon sind nach Angaben des Jobcenters inzwischen bewilligt. Bis zu 200 Bürgerarbeitsplätze will Rostock einrichten, wie Frank Junghans, Geschäftsführer des Hanse-Jobcenters, berichtet. Rund 1000 Hansestädter seien in die Intensivbetreuung mit dem Ziel einer dauerhaften Arbeit aufgenommen worden. In Rostock richtet sich das Projekt besonders an Frauen und Männer aus Bedarfsgemeinschaften mit Kindern unter 15 Jahren. Ähnlich verfährt Neubrandenburg. Auch hier sind Familien oder Alleinerziehende mit Kindern die Zielgruppe. 463 Hartz-IV-Bezieher würden zurzeit betreut, davon konnten 82 bereits auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden, sagt Andreas Wegner, Geschäftsführer des Neubrandenburger Jobcenters. Rund 150 Bürgerarbeitsstellen sollen hier letztlich zur Verfügung stehen. Landesweit nehmen elf Jobcenter und die Optionskommune Ostvorpommern an dem Projekt teil.

Während das Wirtschaftsministerium die Bemühungen um eine bessere Integration von Arbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt gutheißt, gibt es auch kritische Stimmen. Der Landesarbeitslosenverband sieht Hürden für die Träger von Bürgerarbeit, da sie die Sachkosten selbst tragen müssten. Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt sei außerdem die ursächliche Arbeit der Vermittler, meint der Verbandsvorsitzende Jörg Böhm. Die Aktivierungsphase müsse eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. "Zudem sind die Teilnehmer nicht arbeitslosenversichert", bemängelt Böhm. Ohne feste Stelle im Anschluss würden sie nach drei Jahren Bürgerarbeit wieder in Hartz IV fallen. Dennoch wolle der Verband versuchen, das Beste aus der Maßnahme machen.

Wieder ein Vorbild für die Kinder sein

Jörg Ahlgrimm, Betriebsstättenleiter der FAA Bildungsgesellschaft Nord in Schwerin, hält das Projekt indes für sinnvoll. "Die ausführliche Kompetenzanalyse der Teilnehmer ist sehr nützlich für die Vermittlung", sagt Ahlgrimm. Die FAA betreut und schult einen Teil der Schweriner Projektteilnehmer.

Darunter auch Kemajl Hoti, für den Ahlgrimm gute Vermittlungschancen sieht. Der 46-Jährige kam 1992 mit seiner Familie aus dem Kosovo nach Schwerin. Bis 2007 lief alles gut. Die beruflichen Fähigkeiten des Metallbauers waren gefragt. "Meine Vorgesetzten waren zufrieden, und meine Arbeit machte mir Freude", erzählt er. Doch dann bekam Hoti Gesundheitsprobleme, die ihn daran hinderten, weiter als Metallbauer zu arbeiten. Die Folge: Hartz IV. Für den Vater von drei Kindern kein Zustand. "Hartz IV ist schlimm. Ich will nicht mehr zu Hause sitzen, sondern etwas für die Gesellschaft leisten", sagt er. Bei der FAA beginnt er Ende März ein Praktikum im Gartenlandschaftsbau. Sein Vorteil: Im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern hat er einen Führerschein und dadurch gute Chancen etwa bei Hausmeisterservice-Firmen, meint Ahlgrimm. "Ob Gartenarbeit oder Fenster putzen, ob Schwerin oder eine andere Stadt - ich will nur arbeiten", sagt Hoti. Sein größter Antrieb: Er möchte für seine Kinder wieder ein Vorbild sein.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen