zur Navigation springen
Übersicht

23. November 2017 | 12:38 Uhr

"Ich will wieder Geld verdienen"

vom

svz.de von
erstellt am 17.Jan.2010 | 05:40 Uhr

Parchim | Er hat es gelernt, sich einzuschränken. "Alles aus der Möbelbörse", erzählt Andreas Steinhoff und zeigt auf sein Inventar in der kleinen Ein-Raum-Dachgeschosswohnung in der Parchimer Innenstadt. Bett, Sessel, ein altertümlicher Wohnzimmerschrank, ein Schreibtisch, in der Ecke der Fernseher - Küche Fehlanzeige. Zwei mobile Kochplatten müssen reichen. "Eine richtige Einrichtung ist nicht drin", meint der 47-Jährige und ist trotzdem stolz auf seine Bleibe. "Ich habe lange gebraucht, um Hilfe zu bitten", sagt er. Immer auf Unterstützung Anderer angewiesen zu sein ist nicht sein Ding. Ohne geht es derzeit aber nicht.

Andreas Steinhoff, ein Mann mit zwei Berufen, ein engagierter Ehrenamtler in der Parchimer Sportszene, ist einer von mehr als 220 000 in Mecklenburg-Vorpommern, die aus Mangel an ausreichenden Jobs auf die staatlichen Leistungen aus der Hartz-IV-Hilfe angewiesen sind, um überleben zu können. 500 Millionen Euro wurden der Landesagentur für Arbeit zufolge 2008 für den Lebensunterhalt der Empfänger ausgegeben. Noch einmal 250 Millionen Euro dafür, Arbeitslose den Neuanfang auf dem Arbeitsmarkt zu erleichtern. Viel Geld für den Steuerzahler, Überlebenshilfe für den Betroffenen: Der gelernte Bäcker und Konditor Steinhoff weis, was es heißt, von 200 Euro im Monat zu leben, über die Jahre hunderte Bewerbungen zu schreiben, immer wieder nur Absagen zu kassieren und trotzdem einen sehnlichsten Wunsch zu haben: "Ich will wieder Geld verdienen."

Bewerbungen am laufenden Band, Ein-Euro-Jobs, diverse Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen - für einen festen Job reichte es trotzdem nicht. In der Region habe er inzwischen wohl nahezu alle Arbeitgeber abgegrast, erzählt er. Keine Chance - auch nach den vor fünf Jahren auf den Weg gebrachten radikalen Arbeitsmarktreformen nicht.

Fördern und Fordern, hieß damals die neue Strategie. Mit passgenauer Betreuung sollten Langzeitarbeitslose fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. Doch bei der Vermittlung klemmt es noch immer. Gerade ein Stellenangebot habe er in den vergangenen Jahren von der Arbeitsgemeinschaft erhalten, erzählt Steinhoff, der auch den Beruf des Gartenbau facharbeiters gelernt hat. "Der Job war auch noch außerhalb der Stadt, im Drei-Schicht-System und dort wo kein Bus hinfährt." Keine Chance für Steinhoff, der auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist. Der mit Hartz IV erhoffte Aufschwung lässt auf sich warten. Für ihn und die vielen anderen Betroffenen steht Hartz IV vielmehr für Perspektivlosigkeit, für eine Klagewelle ohne gleichen gegen falsche Bescheide. Hartz IV ist zum sozialen Aufreger Nummer eins geworden. Aufgeben will Steinhoff dennoch nicht. Herumsitzen ist nicht sein Ding. "24 Stunden zu Hause, dann wäre ich suizidgefährdet", meint der 47-Jährige. "Ich brauche eine Aufgabe."

Vorerst findet er sie im Sport - ehrenamtlich. Fussballtrainer beim Club vor Ort, Jugendarbeit, über Arbeitsmarktzuschüsse bezahlter Sportstreetworker, der internationale Jugendbegegnungen vorbereitete: Parchims Sportwelt wäre ohne Steinhoff kaum zu organisieren. "Ehrenamtlich kann ich alles machen", erzählt er. "Nur, wenn es um eine feste Stelle geht, dann zählen 20 Jahre Erfahrung nicht mehr und wird auf ein Diplom gepocht", ärgert er sich. Und doch ist der Sport noch das Einzige, was Steinhoff noch hält. "Man darf sich nicht gehen lassen und muss hartnäckig bleiben", sagt der Parchimer bestimmt. Nur, wenn die Schmarotzerdiskussionen über die zu Hause herumsitzenden Hartz-IV-Empfänger wieder beginnen, dann hält es ihn nicht mehr. Erst zu Jahresbeginn hatte Ex-Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement von Arbeitslosen verlangt, sich darum zu bemühen, so schnell wie möglich wieder in Arbeit zu kommen. "Jeder Job ist besser als die Arbeitslosigkeit. Dazu zählt im Ernstfall auch der geringer bezahlte Job", hatte der frühere SPD-Politiker erklärt, der seinerzeit gegen viele Widerstände die Hartz-Reform durchgedrückt hatte. Für Steinhoff kein Problem: "Für einen Job wäre ich bereit umzuziehen und mein Leben zu ändern." Allein die Jobs, die Clement anpreist, fehlen.

Stattdessen steht Deutschland mit Hartz IV nach Einschätzung der Wohlfahrtsverbände vor der größten sozialen Zerreißprobe der vergangenen 60 Jahre. Die Zeiten sind längst nicht nur für Langzeitarbeitslose härter geworden. Die von Rot-Grün angeschobenen Reformen mögen Deutschlands Arbeitsmarkt in der Wirtschaftskrise bislang zwar vor der großen Katastrophe bewahrt haben. Doch der Preis dafür ist hoch: Hartz IV setzt selbst die, die noch einen Job haben, massiv unter Druck, haben die Gewerkschaften ausgemacht. Für DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach gibt es keinen Zweifel: Die Angst vor dem sozialen Abstieg werde "bis heute dazu missbraucht, um die Beschäftigten zu Lohneinbußen zu drängen und ihnen schlechtere Arbeitsbedingungen aufzudrängen". Die Folgen sind spürbar: In Mecklenburg-Vorpommern verdienen nach Berechnungen des Gewerkschaftsbundes 60 000 Beschäftigte inzwischen so wenig, das ihr Lohn durch Arbeitslosengeld II aufgestockt wird. Zudem: Dramatisch gestiegene Kinderarmut, kaum gesunkene Zahlen von Hartz-IV-Empfängern - sieben Millionen Menschen, darunter zwei bis drei Millionen Kinder, seien mit pauschalierten Armutssätzen abgespeist und ins gesellschaftliche Abseits gedrängt worden, hatte der Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, kritisiert.

Steinhoff hat das zu spüren bekommen. Hartz IV macht einsam. Jahre ohne Job und eigenes Einkommen - "da geht mancher Kontakt zu früheren Freunden verloren", musste er lernen. Auch weil der sportliche Endvierziger sich notgedrungen selbst zurückzieht. Mal ins Kino gehen? "Ist schon seit Jahren nicht mehr drin", sagt der Parchimer. Für den Kegelabend fehle das Geld. Auch einen Rundgang auf dem traditionsreichen Martinimarkt in Parchim vor dem Weihnachtsfest "kann ich mir nicht leisten." Selbst Einladungen zu Geburtstagen schlägt er aus. "Ein Geschenk kann ich nicht bezahlen." Was bleibt ist der Sport: "Der einzige Kontakt zur Außenwelt", sagt Steinhoff. "Ohne Sport wäre ich längst abgestürzt." Vielleicht klappt es ja doch mit einem Job im Sportbereich: "Als Trainer für Hartz-IV-Empfänger für Sportkurse des neuen Projekts Fit machen für den Arbeitsmarkt." Noch steht die Entscheidung der Arge aus, sagt Steinhoff. Arbeit zumindest für ein Jahr: "Ein eigenes Einkommen, das wäre was."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen