„Ich will nicht klagen“

Heute stellt der Landkreis erstmals einen Gesundheits- und Sozialbericht vor. Darin geht es auch um die Entwicklung der Armut, zum Beispiel bei Rentnern. Was Armut im Alltag bedeutet, schildert Lilian K. im Gespräch mit dem „Prignitzer“.

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11. Juni 2008, 09:07 Uhr

Prignitz - Klein, aber hell und freundlich ist die Mietswohnung von Lilian K. Die Möbel sind nicht zerkratzt, Sessel und Couch nicht verschlissen. „Mehr brauche ich nicht, ich will nicht klagen“, sagt die 81-Jährige. Ein Satz, den sie noch oft wiederholen wird in der nächsten knappen Stunde.
Als „arm“ gilt, wer als Alleinlebender weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient. Das sind 781 Euro netto. Bei Lilien K. trifft das zu. Damit teilt sie das Schicksal von immer mehr Deutschen. Laut jüngstem Armutsbericht des Bundessozialministeriums ist jeder vierte Bundesbürger von Armut betroffen oder wird durch staatliche Leistungen vor einem sozialen Abgleiten bewahrt.

Rentenerhöhung nur Makulatur
419 Euro beträgt Lilian Ks. aktuelle Monatsrente. Nach mehreren Nullrunden beschloss die Bundesregierung nun eine Anhebung von 1,1 Prozent ab Juli. Lilian K. winkt ab: „Das ist kein Grund für mich zur Freude, denn der Betrag verändert sich ja doch nur unwesentlich. Mal sind es ein Euro mehr, mal sogar weniger, wenn beispielsweise wieder die Beiträge zur Pflegeversicherung steigen“, sagt sie.
Ohne zusätzliche staatliche Hilfe würde sie nicht über die Runden kommen. Lilian K. hat beim Landkreis einen Zuschuss zur Grundsicherung im Alter beantragt: 236 Euro erhält sie. Damit steigt ihr Monatseinkommen auf 655 Euro.

Große Sprünge seien damit nicht möglich. Kleine auch nicht. Eigentlich gar keine. „Ich klage nicht“, sagt die gelernte Schneiderin und zählt auf, auf was sie alles verzichtet: Kein Urlaub, keine Kurzreise, kein Ausflug. Restaurantbesuche fallen weg, selbst das Kaffeekränzchen findet nur im privaten Rahmen statt. Ihre Mitgliedschaft in einem Chor musste sie aufgeben. Mitgliedsbeitrag, Fahrtkosten zu Auftritten und vorgeschriebene Kleidung konnte sie nicht länger bezahlen. „Ich bin sparsam, ich leiste mir nichts“, sagt sie und wirkt dabei nicht einmal sonderlich traurig.

Vielleicht liegt das ja an ihrer Biografie. Als Mädchen floh sie mit ihren Eltern 1945 aus Oberschlesien nach Deutschland. „Wir hatten keine Arbeit und Unterstützung gab’s auch nicht, und doch kamen wir klar.“ Damals habe sie in ihrer Familie gelernt, zu sparen und nicht zu klagen.

Lilian K. überlegt jede Ausgabe, rechnet, wägt ab. 154,59 Euro beträgt ihre Grundmiete, mit Nebenkosten zahlt sie im Monat 283,59 Euro. Für Strom werden 35 Euro fällig. Lilian K. verbleiben damit noch 336,41 Euro, das sind rund zehn Euro am Tag. „Manchmal gehe ich zum Friseur, für Medikamente zahle ich zu, auch die Praxisgebühr muss ich zahlen, und meine Augentropfen trägt die Kasse nicht.“
Für die Kinder habe sie ihre Arbeit unterbrochen, dann aber 20 Jahre bis zur Rente durchgearbeitet. „419 Euro im Monat. Gerecht ist das nicht, aber was wollen wir verlangen, wir sind doch schon der Abgang“, resigniert sie. Sie komme ja klar. Lebensmittel kauft Lilian K. frisch, Obst und Gemüse hat sie täglich im Haus, und wenn die fünf Enkelkinder Geburtstag haben, steckt sie ihnen 20 Euro zu. „Ich habe eigentlich keine Wünsche mehr. Ich kann nicht klagen.“

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