Stalking – der Albtraum : Ich werde dich töten

Dramatisches Finale: Beamte des Spezialeinsatzkommandos der Polizei führen den Stalker ab. Für seine Opfer ist der Albtraum aber noch nicht zu Ende. RTN
1 von 3
Dramatisches Finale: Beamte des Spezialeinsatzkommandos der Polizei führen den Stalker ab. Für seine Opfer ist der Albtraum aber noch nicht zu Ende. RTN

Ein Stalker und sein Opfer Angela. Verleumdungen, Entführung, Misshandlung, Morddrohungen. Monate vergehen, bis die Justiz dem Wahnsinn ein Ende bereitet. Demnächst beginnt der Prozess.

von
06. September 2012, 11:28 Uhr

Kiel/Schwerin | Ein Kindergesicht. Schaut in die Welt, als hätte es soeben geweint. Die Mundwinkel heruntergezogen, ein trauriger Blick. Der Blick eines Kindes, 37 Jahre alt, das Menschen quält, verfolgt, schlägt, weint und um Liebe bettelt. Das sich umbringen will und andere mit dem Tode bedroht. Ein Mensch, vor dem ich Angst habe, sagen die Frauen, die mit ihm zusammen lebten. Ein hilfsbereiter Kamerad, sagen diejenigen, die seine Hilfe in Anspruch nehmen und ihm Hilfsdienste leisten. Ein Mensch, der Polizeibeamten mit "Konsequenzen" droht, behauptet, dass sie ihn töten wollen und dennoch ihr Interesse, ihre Sympathie sucht. Ein Mensch, ohne Mitgefühl und voller Selbstliebe, sagen diejenigen, die er in seine Nähe lässt.

Jetzt kommt er wieder einmal vor Gericht. Es wird eine Große Strafkammer am Landgericht Kiel sein, vor der über ihn verhandelt wird, drei Berufsrichter und zwei Laien. Angeklagt ist Denis P. wegen 34 Straftaten: Brandstiftung in einem bewohnten Haus, Misshandlung, Freiheitsberaubung, Nötigung, Bedrohung und Sachbeschädigung. Zwei Anklagen wegen versuchten Mordes lassen sich kaum aufrechterhalten, heißt es. Schwer ist der Vorwurf des "Stalking". Die Staatsanwaltschaft bietet über 100 Zeugen auf, fast genau so viele Beweismittel sollen präsentiert werden.

Im Zentrum der kriminellen Aktivitäten von Denis P. steht Angela, eine junge Frau, die er gnadenlos verfolgt. Sie ist nicht die erste, der er Leid zufügt. Auch der jungen Polizeibeamtin, die drei Jahre lang mit ihm zusammen lebte, erlaubte er die Trennung nicht. Er versuchte sie nach Polen zu entführen, gefährdete bei einer halsbrecherischen Autofahrt ihr Leben. Später werden ihr eine scharfe Patrone aufs Autodach gelegt, die Autoreifen zerstochen, anonyme Anrufe lassen sie nicht zur Ruhe kommen, am Pkw ihres neuen Freundes werden die Radschrauben gelockert. Denis P. kommt in Untersuchungshaft, wird zu einer eineinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt, die im Berufungsverfahren in eine Bewährungsstrafe gewandelt wird.

Denis P., einer, der herumirrt. In Schwerin geboren, dort und in Güstrow, in Mecklenburg-Vorpommern, wächst er auf. Seinen leiblichen Vater kennt er nicht. In seinen ersten Lebensjahren ist er viel bei seinen Großeltern. Er bekommt einen anderen Namen, als der Stiefvater die Mutter heiratet und ihn adoptiert. Da ist er fünf. Fünf Lebensjahre, die ein Zuhause nicht erkennen lassen. Dann, in der Schule, auch in der Familie, wird seine Aggressivität zum Problem. Der allseitigen Hilflosigkeit folgt Heimerziehung. Sie ist das Mittel der Wahl, ob in der DDR, oder im Westen. Heimerziehung steht, solange es sie gibt, in der Kritik. Sie kann helfen oder auch junge Menschen verbiegen.

Es ist die Biografie eines Kindes, die aufstöhnen lässt und schon früh befürchten lässt, was dann auch kommt. Es entsteht eine Lebensgeschichte, die später vieles verstehen lässt und dennoch Verständnis verbietet. Denn das Schicksal der Opfer wiegt schwerer als das Schicksal des Täters.

Die Schule verlässt Denis P. nach der 9. Klasse. Mehrere Versuche in Handwerkslehren scheitern. Vom 18. Lebensjahr an steht er ständig vor Gericht. Mehrfach wird er zu Freiheitsstrafen verurteilt. Seinen ersten Knastaufenthalt hat er mit zwanzig. Er schafft etwas, was wenigen im Freiheitsentzug gelingt: Er erarbeitet sich die Fachhochschulreife. Studiert nach seiner Entlassung BWL an der Fachhochschule in Kiel, bleibt ohne Abschluss und qualifiziert sich dennoch als Fachinformatiker. Sein Leben könnte jetzt besser verlaufen. Aber dann stirbt seine Mutter. Er ist 30. Es scheint, als wäre dieser Verlust eine neue Zäsur. Wieder begeht er Straftaten: Körperverletzung, Betrug, Urkundenfälschung. Wieder muss er ins Gefängnis. Der Weg danach in die Selbstständigkeit klappt nicht, er arbeitet als Pizzafahrer, dann eröffnet er eine Kfz-Werkstatt. Nur für kurze Zeit, denn eine alte Bewährungsstrafe wird widerrufen. Er muss erneut in Haft.

Denis P. gibt viele Fragen auf. Er kann sich in mehreren Sprachen verständigen. Er hat Charme, er kann überzeugen. Er kann sich klein machen, schmusen, um Zuneigung betteln, Angst machen und Gewalt anwenden. Er macht sich groß und wichtig, geht bedenkenlos Risiken ein und fällt tief. Er steht wieder auf und fällt noch tiefer. Er lernt nicht daraus. Wer ist dieser Mensch? Das Gericht wird Mühe haben, Antworten zu finden.

Denis P. und sein Opfer Angela. Fast zwei Jahre lang leben sie in Kiel zusammen. Als sie im November 2010 auszieht und ihm sagt, dass sie keinen Kontakt mehr will, beginnt fast schlagartig eine nicht abreißende Kette von Schikanen. Aber noch wehrt sich Angela, holt ihre Möbel aus der bisherigen gemeinsamen Wohnung und macht dabei eine Entdeckung. Sie findet eine größere Anzahl Revolvermunition und übergibt sie der Polizei. Von einer vorhandenen Waffe weiß sie jedoch nichts. Unmissverständlich macht sie Denis P. immer wieder klar, dass die Trennung endgültig sei und tut dennoch das, was Außenstehende kaum verstehen können. Sie trifft sich mit ihm, um über den gemeinsamen Hund zu sprechen und steigt in seinen Pkw. Er startet, er lässt sie nicht aussteigen und fährt mit ihr nach Schwerin. Unterwegs schlägt er sie, nimmt ihr das Handy ab und misshandelt sie weiter. Zurück in Kiel wechselt Angela erneut ihre Wohnung, aber auch hier spürt Denis P. sie auf, würgt sie, entwendet ihr Handy, um ihre privaten Kontakte festzustellen. Am folgenden Tag verlangt er von ihr, die Anzeige gegen ihn zurückzunehmen, "sonst passiert was". Freundinnen von Angela finden ihre Autos mit zerstochen Reifen vor. Immer wieder lauert Denis P. Angela auf und sie entdeckt einen Peilsender an ihrem PKW, der ihren jeweiligen Standort per SMS an Denis P. vermittelt. Es bleibt eine stumpfe Waffe, als das Amtsgericht Kiel Denis P. verbietet, sich Angela zu nähern, oder Verbindung zu ihr aufzunehmen.

Angela weiß nicht, was an jedem neuen Tag auf sie zukommt. Seine ständigen Anrufe über das Handy: Er wird ihr Haus in die Luft jagen, ihre Freunde vernichten, diese bei nächster Gelegenheit "umlegen". Endlich der Haftbefehl gegen ihn. Zur Festnahme kommt es jedoch nicht. In seinem PKW werden Notebook, GPS-Sender, Kamera und Fernglas gefunden. Es ist das Handwerkszeug eines Überwachers. Der Terror geht weiter. Denis P. lauert Angela auf und sagt ihr, dass er sie, Angela, demnächst töten würde. Jetzt wird er wegen dieser Morddrohung zur Fahndung ausgeschrieben. Und er macht weiter. Richtet den Pkw von Angela nachts so zu, dass er zum Totalschaden wird, zersticht die Reifen zahlloser Pkw aus dem Freundeskreis Angelas und schickt manipulierte Aufnahmen Angelas, die sie kompromittieren sollen, an ihren neuen Freund. Dessen Elternhaus wird zweimal das Ziel nächtlicher Brandanschläge. Die Bewohner selbst verhindern das Schlimmste, aber der Sachschaden geht in die Tausende.

Für Angela gibt es kein normales Leben mehr. Sie wechselt ständig ihre Aufenthaltsorte, mehrfach den Wohnsitz, ihr Pkw-Kennzeichen. Sie muss Menschen zu ihrem Schutz ansprechen und organisieren. Sie wird krank: Sie hat ständig Angst, kann nicht schlafen, mag nicht essen, leidet an Übelkeit und verliert erheblich an Gewicht. Albträume und Panikzustände treiben sie zur Verzweiflung. Sie bricht ihr Studium ab. Und es ist kein Licht am Ende des Tunnels.

Denis P. kündigt an, sich das Leben zu nehmen. Es kann nicht darüber spekuliert werden, ob und bei wem überhaupt diese Ankündigung Bestürzung auslöst. Aber ernst genommen werden muss sie, als sein Anwalt die Selbstmordabsichten bestätigt und dass Denis P. von explosiven Stoffen in seiner Wohnung gesprochen habe. Das Spezialeinsatzkommando (SEK), das die Wohnung stürmt, trifft Denis P. nackt an. Gas strömt aus einer Gasflasche und er hantiert mit offenem Feuer. Denis P. wird in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingewiesen, am nächsten Tag aber wieder entlassen.

"Er wirkte auf mich manchmal irre", sagt einer der jungen Männer aus seiner Umgebung. Und ein anderer: "Ich hatte Angst vor ihm, weil ich ihn schon für verrückt gehalten habe."

Und dann der Tod von Pascal T. aus dem Bekanntenkreis Angelas. Eines wohl furchtsamen, dann auch verzweifelten jungen Mannes, der, nachdem auch ihm die Reifen des Pkw zerstochen worden waren, Denis P. ihn mehrfach bedroht hatte, sich bei diesem anbiederte, um weiteren Einschüchterungen zu entgehen. Er wird tot aufgefunden und die Obduktion ergibt eine massive Überdosis an Beruhigungsmitteln. Denis P. gesteht in einer ersten Vernehmung, Pascal T. mit einer an den Kopf gehaltenen Pistole zur Einnahme der Medikamente gezwungen zu haben. Dann widerruft er. Er habe ein falsches Geständnis abgelegt, um seine Ruhe zu haben. Er spielt mit den Vernehmern, die sein direktes Verschulden am Tod von Pascal T. ausschließen, nicht aber die durch ihn ausgelösten Angstattacken. Hier zeigt sich, welche Macht Denis P. auszuüben versteht. Eine Macht, die Gleichaltrige zu willfährigen Helfern werden ließ, die bei der Überwachung Angelas halfen, ihm Fahrerdienste leisteten und bei Straftaten zu Komplizen wurden. Denn die Zahl der beschädigten PKW, die hohe Zahl zerstochener Reifen, die Nagelbretter, die unter Autos gefunden werden, sind nur schwer vorstellbar als Taten eines Einzelnen.

Als die Polizei anonyme Hinweise erhält, dass in einer Kieler Wohnung, die auch Denis P. nutzt, größere Mengen Chemikalien und Anleitungen zur Herstellung explosiver Stoffe deponiert sind, als ein weiterer Informant mitteilt, dass Denis P. über Handgranaten und Pistolen verfügt, seine Unberechenbarkeit keine Gewalttat mehr ausschließen lässt, ergeht ein umfassender Einsatzbefehl zu seiner Festnahme. Über die Ortung seines Handys gelingt es Spezialeinsatzkräften, ihn in der Nähe von Schwerin festzunehmen.

Seine Festnahme ist keine à la "Bonnie and Clyde". Nein, er versteckt sich in einem Baumhaus, ruft den nahenden Einsatzkräften zu, dass er unbewaffnet sei und bittet sie, bettelt geradezu mit kreischender, kindlicher Stimme, nicht zu schießen. Er wird dem Haftrichter vorgeführt, der für Denis P. die Sicherungshaft in Lübeck anordnet.

Denis P. ist ein Gefangener, dem in der Haft besondere Aufmerksamkeit zukommt. Die Sicherungshaft in Lübeck ist kein Zuckerschlecken. Das ist keine kommode Untersuchungshaft. Sie ist auch nicht wie die normale Strafhaft, die schrittweise Haftlockerungen erlaubt. Während der Sicherungshaft gilt: Einzelzelle, genaueste Überwachung, "Hofgang" eine Stunde täglich ohne Mitgefangene, strenge Kontaktbegrenzungen. Die "Acht", die Handfesselung, ist, wenn sie angelegt wird, der unübersehbare Hinweis auf die Gefährlichkeit des Häftlings. Nein, es ist kein Zuckerschlecken, in Lübeck einzusitzen.

Der zeitweise Aufenthalt von Denis P. in der Justizvollzugsanstalt Neumünster scheint seine kriminelle Fantasie wieder zu beflügeln. Er nimmt Kontakt zu Mitgefangenen auf, um den Freund Angelas töten zu lassen. Er bietet ein Honorar von 5000 Euro an. Tatsächlich wird "draußen" jemand gefunden, der die Tat ausführen will und das Umfeld des potenziellen Opfers erkundet. Doch Bedenken wegen der Zahlungsfähigkeit von Denis P. lassen den Plan schon im Anfangsstadium platzen. Alles die Spinnerei eines Überdrehten? Bei einer Zellendurchsuchung wird bei Denis P. eine "Randfeuerpatrone" gefunden, kein wirklich tödliches Mittel, aber durchaus geeignet, schwere Verwundungen zuzufügen. Ja, wird im Knast erzählt, Denis P. suchte unter den Gefangenen jemanden, der ihm eine pistolenähnliche Waffe baut, die er in seiner bevorstehenden Verhandlung gegen den Staatsanwalt richten wollte.

Diese Gefahr ist abgewendet. Aber Denis P. wird keine Ruhe geben. Denn er sieht sich nicht als Täter, sondern als Opfer. Als Opfer, das um seine berechtigten Ansprüche kämpft: Ansprüche auf Zuneigung, Liebe und Aufmerksamkeit. Mehr noch auf Unterwerfung.

Alle Namen im Text sind anonymisiert. Der Beitrag stützt sich auf Recherchen in einem Fall, der demnächst vor einer Großen Strafkammer am Landgericht Kiel zur Verhandlung kommt.


Stalking ist das Verfolgen oder Belästigen einer Person, deren physische oder psychische Unversehrtheit dadurch unmittelbar, mittelbar oder langfristig bedroht und geschädigt werden kann. Stalking ist in vielen Staaten ein Straftatbestand (in Deutschland als „Nachstellung“) und Thema kriminologischer und psychologischer Untersuchungen.

Bekannte Stalkingopfer

  • Jeanette Biedermann, Ex-Darstellerin der RTL-Soap „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ wurde fast drei Jahre von Eckehardt O. verfolgt. Er schickte der Sängerin Liebesbriefe, brach in ihre Wohnung ein, wälzte sich im Bett der Blondine.

  • John Lennon: 1980 erschoss der psychisch gestörte Mark Chapman den berühmten Ex-Beatle. Von krankhaftem Geltungsbedürfnis getrieben sagte Chapman: „Ich war ein Niemand, bis ich den wichtigsten Jemand der Welt umbrachte.“

  • Ariane Friedrich bekam von einem 38-Jährigen eine E-Mail mit einem Foto seines Geschlechtsteils zugeschickt. Daraufhin hatte die Hochspringerin auf Facebook den Namen und die Adresse des Mannes veröffentlicht, sah sich anschließend dem Vorwurf der Selbstjustiz ausgesetzt.

  • Katharina Witt wurde um den halben Globus verfolgt. Die erfolgreichste Eiskunstläuferin aller Zeiten wurde über viele Monate von einem Fan beschattet, der die Doppelolympia-Siegerin und mehrfache Weltmeisterin als seine Ehefrau ansah.

  • Steffi Graf wurde über Monate von einem Fan verfolgt. 1993 stach Steffi-Graf-Verehrer Günter Parche auf die damalige Weltranglisten-Erste Monica Seles ein, um seiner Angebeteten die Rückkehr auf Platz Eins der Weltrangliste zu ermöglichen.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen