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Oliver Kalkofe kehrt mit "Zapping" auf den Bildschirm zurück : "Ich muss mir nicht jeden Abend versauen"

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Mit seiner ätzenden Fernsehkritik rief der TV-Satiriker, Schauspieler und Kabarettist Oliver Kalkofe ein eigenes Genre ins Leben - zunächst in seinen Radio-Shows, dann bei Kultformaten wie "Kalkofes Mattscheibe".

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erstellt am 10.Jun.2011 | 04:31 Uhr

Mit seiner ätzenden Fernsehkritik, dargeboten in Programmschnipseln, rief der TV-Satiriker, Schauspieler und Kabarettist Oliver Kalkofe ein eigenes Genre ins Leben - zunächst in seinen Radio-Shows, dann bei Kultformaten wie "Kalkofes Mattscheibe". Nun ist der Klassiker zurück: Künftig läuft "Zapping" täglich, 20.10 Uhr, auf dem Bezahlsender Sky. Zu kritisieren gibt es heute mehr denn je, wie der 45-Jährige im Gespräch mit Rupert Sommer durchblicken lässt.

Herr Kalkofe, Sie leben von Ihrer Dauerbeschäftigung mit dem Fernsehen. Ist für den Blick aufs Ganze eine Mini-Sendung wie "Zapping" nicht ein wenig kurz geraten?

Oliver Kalkofe: Der Witz von "Zapping" ist, dass man das Fernsehen in einem so kleinen Konzentrat bekommt, dass es wieder erträglich ist. Keiner schaut sich mehr freiwillig den ganzen Tag lang das normale Programm an. Mit den drei Minuten Zusammenfassung kann man wenigstens ein bisschen mitreden - und muss sich nicht den ganzen Tag versauen. Das finde ich super.

Haben Sie eine heimliche Agenda, wollen Sie einen Sender nach dem anderen reformieren und die Fernsehwelt besser machen?

Ich gelte vielleicht bei vielen wirklich als die letzte moralische Instanz. Und das nur deswegen, weil ich das ausspreche, was die meisten denken und einfach die Wahrheit sage. Das ist im Fernsehgeschäft etwas sehr Seltenes. Bei der "Mattscheibe" habe ich immer nur das kritisiert, was ich auch wirklich mies fand. Wenn mir etwas gut gefällt, halte ich auch gewöhnlich meine Klappe. Wie im Fernsehen nach vorne gelächelt und nach hinten betrogen wird und wie abgrundtief egal den Machern das Fernsehen geworden ist, finde ich zutiefst traurig. Vor 15 Jahren wurden noch Sendungen gemacht, die wenigstens den Versuch gewagt hatten, tatsächlich zu unterhalten. Heute wird das nicht mal mehr vorgetäuscht.

Über welche dieser Heuchler-Formate müssen Sie sich denn heute besonders ärgern?

Man kann gar keine einzelnen mehr rauspicken. Wissen Sie denn überhaupt noch, welche Programme nachmittags genau laufen? Beim Zappen kommt man von Betrugsfällen zu Verdachtsfällen oder Durchfällen, alles exakt gleich. Nur Barbara Salesch erkennt man gerade noch an der Frisur. All diese Dokusoaps und Reality-Formate, die beim Nachbarn gedreht werden und die irgendwelche Trottel zum Hansel machen, sind doch nicht mehr zu unterscheiden. Um was es in den Sendungen genau geht, ist sogar den Machern egal. Hauptsache nur, es ist so billig, dass am Ende auch mit wenigen Zuschauern noch ein kleines Plus bleibt. Die Unterhaltungssendungen, die ihren Namen noch verdienen, sind an einer Hand abzuzählen.

Welche fallen Ihnen denn überhaupt noch auf?

Die einzigen, die als Unterhaltungsformat überhaupt noch eine Präsenz haben, sind "DSDS", "Topmodel", "Dschungelcamp", "Let`s Dance" oder "Popstars". Das sind eben diese vier bis sechs Casting- oder Promi-Verheizformate, die in einer Endlosschleife laufen.

Jetzt haben Sie nur Privatsender genannt. Warum schafft es "Wetten, dass..?" nicht auf Ihren Schirm?

Nun ja, "Wetten, dass..?" schafft sich gerade selbst ab. Den Privaten kann man kaum einen Vorwurf machen, dass ihnen das, womit sie ihr Geld machen, in Wirklichkeit absolut egal ist. Ihnen geht es halt nur um Kohle. Es geht gar nicht mehr darum, beim Fernsehen Spaß zu haben und Sachen zu drehen, die man selber gerne anschauen würde.

Gelingt das ARD und ZDF etwa besser?

Absolut nicht! Gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen müsste dieser Geist noch existieren. So arbeiten die aber nicht. Seit die Privaten auf den Markt kamen, sind die Öffentlich-Rechtlichen inhaltlich stehen geblieben. Da wird höchstens alle paar Jahre mal für viele Millionen ein Nachrichtenstudio neu designt. Aber das soll nur darüber hinwegtäuschen, dass ARD und ZDF seit Jahrzehnten im kreativen Koma liegen. Und dabei müssten sie uns - mit unserem Geld - jeden Tag aufs Neue überraschen oder provozieren. Gerade sie müssten neue Impulse setzen, aber das überlassen sie komplett den Privaten. Stattdessen wollen sie es jedem recht machen und produzieren ein Programm, das schön glatt und gefällig durchflutscht - wie ein Zäpfchen.

Wie lief vor diesem Hintergrund Ihr Gespräch mit dem ZDF-Intendanten, als er Sie wegen der "Wetten, dass ..?"-Nachfolge angerufen hat?

Da war ich wohl nicht zu Hause. Wahrscheinlich war sogar mein Anrufbeantworter kaputt. Das ZDF ist ein ganz spezieller Fall: Wenn die mal versehentlich einen Erfolg haben, sind sie davon selbst so überrascht, dass sie denken, sie haben etwas falsch gemacht. Inzwischen geht ohnehin kaum noch ein Sender mehr davon aus, dass er irgendwas produziert, was sich sehen lassen kann und dann auch noch positiv vom Publikum aufgenommen wird. Vor allem nicht das ZDF mit einem Programm, das mal ein bisschen frecher ist und sich an die Unter-70-Jährigen richtet.

Sie spielen auf die "heute-show" an?

Der Erfolg hat die Mainzer völlig überrumpelt. Ich glaube, die stehen immer noch unter Schock. Da war nur eine Sendung davon gelaufen, und schon gab es drei Preise. Dadurch fühlt sich der Sender jetzt glücklicherweise unter Druck, die Show auch weiterzumachen.

Allerdings ist dies kein Anlass für das ZDF, in diese Richtung weiterzudenken, weil ihnen diese Aufregung einmal genug war und sie glücklich sind, sich auch in 20 Jahren mit der "heute-show" noch jung, kreativ und innovativ fühlen zu dürfen.

Aus welcher Sendung wachen Sie eigentlich auf, wenn Sie schweißgebadet aus einem Albtraum hochschrecken?

Die meiste Angst hätte ich, irgendwann im "Dschungelcamp" zu sitzen. Das ist der Vorhof zur Hölle, woraus man nie wieder entkommt. Allein weil man danach in alle Ewigkeit fürs Promi-Dinner kochen muss. Ich hoffe sehr, dass mir das erspart bleibt.

Wie sehen denn die Tage aus, in denen Sie mal richtig zufrieden mit sich und der Welt sind?

Das sind keine Tage, an denen ich fernsehen muss. Fernsehen schüttet bei mir keine Endorphine mehr aus - es zieht mich runter. Wer krankheitsbedingt das Tagesprogramm sehen muss, der kommt so schnell nicht mehr raus.

Aber haben Sie sich trotzdem schon mal darüber geärgert, wenn Sie ein Fernsehthema verpasst haben und nicht mitreden konnten?

Natürlich, es würde mich schon nerven, wenn ich mal nicht Bescheid weiß. Vieles muss ich mir schon von Berufs wegen ansehen. Aber zum Glück gibt`s jetzt die Mediatheken. Dadurch muss ich mir nicht mehr jeden Abend versauen.

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