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"Ich lasse mich nicht unterkriegen"

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Wittenberge | 683 Euro hat Sieglinde Deul im Monat zur Verfügung. Zudem arbeitet sie nebenbei als selbstständige Handelsvertreterin, darf sich bis zu 100 Euro monatlich dazuverdienen. "Das klappt aber nur in den seltensten Fällen, in manchen Monaten verdiene ich überhaupt nichts", sagt sie. Die 683 Euro, die sie an Hartz IV-Bezügen bekommt, reichen eigentlich nur für die Fixkosten wie Miete, Strom, Gas und Versicherung. "Und dann kommen noch die Forderungen meiner Gläubiger. Ich bin jemand, der seine Rechnungen zahlt, und was dann noch übrig bleibt, monatlich um die 30 Euro, das gebe ich für Lebensmittel aus."

Bis zur Wende hatte Sieglinde Deul Arbeit. "Ich bin gelernte Zahnarzthelferin, habe später Finanzökonomie studiert und lange bei der Mitropa gearbeitet. Gegen Ende der DDR-Zeit war ich beim Konsum Verkaufsstellenleiterin, mit der Wende war das natürlich vorbei." 1990 bis 1999 hielt sie sich mit verschiedenen Nebenjobs über Wasser, nahm Lehrgänge des Arbeitsamtes in Anspruch und hatte von Mai 2001 bis Juni 2003 eine geförderte Stelle im Vertrieb. "Als ich gekündigt wurde, bot man mir an, auf selbstständiger Basis weiterzuarbeiten, was ich auch erstmal gemacht habe. Dann hat mich ein ehemaliger Kollege angesprochen, ob ich nicht mit ihm gemeinsam einen Imbiss aufmachen will, und ich habe in blindem Vertrauen zugesagt. Dass er Alkoholiker und ein bereits verurteilter Betrüger war, das habe ich erst später gemerkt."

Sieglinde Deul zeigte ihren Geschäftspartner an, der ging ins Gefängnis und ließ sie mit dem Imbiss und 30 000 Euro Schulden sitzen. "Bis November 2003 habe ich noch versucht, das Geschäft am Laufen zu halten, aber es ging nicht." Sie beantragt Arbeitslosengeld I und bezieht seit dessen Ablauf Hartz IV. "Ich arbeite, verdiene mir ein bisschen dazu, bezahle meine Rechnungen, und wenn etwas übrig bleibt, dann kaufe ich mir was zu essen. Mein täglicher Standard sind zwei Scheiben Brot und zwei Kartoffeln. Wurst und Fleisch nur, wenn mal etwas mehr Geld da ist."

58 Quadratmeter misst ihre Wohnung. "Das sind eigentlich schon acht Quadratmeter zu viel", sagt sie. "Aber da die Kosten für die Wohnung unter den maximal erstatteten 335 Euro liegen, durfte ich hier einziehen, aber auch das erst nach Diskussionen mit der Arge." Wie viele andere Hartz-IV-Empfänger kennt Sieglinde Deul das ewige Lied mit fehlerhaften Bescheiden und seitenlangen, unübersichtlichen Anträgen. "Ich habe in diesem Jahr bei den Elblandfestspielen mitgearbeitet. Für die 20 Euro Aufwandsentschädigung musste ich drei A4-Seiten Formulare für die Arge ausfüllen, ein Wahnsinn."

Aus der Not machte Sieglinde Deul eine Tugend. Seit vielen Jahren begleitet sie ehrenamtlich Hartz-IV-Empfänger bei Behördengängen, hilft beim Ausfüllen von Formularen und macht Betroffenen Mut, für ihr Recht zu kämpfen. "Viele trauen sich gar nicht, mit ihrem Sachbearbeiter über den Bescheid zu reden, sie schämen sich zum Teil, auf Hartz IV angewiesen zu sein." Die Tatsache, dass die Sachbearbeiter ständig wechseln, mache es für die Betroffenen noch schwieriger, Vertrauen aufzubauen. "Die vertraute Person bin dann ich", sagt Sieglinde Deul. Bei der Arge und beim Landkreis kenne man sie bereits. "Ich bin bei Problemen immer direkt an die höchsten Stellen herangetreten, beispielsweise Herrn Uhe oder an den Arge-Chef Herrn Liedtke. Beide haben sich stets sehr bemüht, für die Betroffenen eine erträgliche Lösung zu finden."

Von ihren eigenen Schulden sind noch 7000 Euro offen. "Die zahle ich in Raten von 80 Euro pro Monat ab. Wenn ich in fünf Jahren in Rente gehe, werde ich weiterhin auf die Grundsicherung angewiesen sein", sagte sie ohne Verbitterung. Ein kleiner Lichtblick für sie ist eine Reise in die Niederlande. Dafür hat sie sich trotz allem das Geld zurückgelegt. "Meine Tochter und ihre Familie leben dort. Ich habe fünf Jahre dafür gespart und freue mich riesig auf die Fahrt. Ich lasse mich nicht unterkriegen."

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erstellt am 02.Aug.2010 | 06:17 Uhr

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