"Ich gebe niemals auf"

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27. April 2010, 01:34 Uhr

plau am see | 4. Dezember 1998. Andrea Beyer ist 25 Jahre alt, als sie zwischen Neubrandenburg und Waren mit ihrem Auto verunglückt. Noch in der Nacht wird die junge Frau - damals Referendarin für Deutsch und Geschichte an einer Neubrandenburger Schule - mit einer schweren Schädel-Hirnverletzung von Waren ins Plauer Klinikum verlegt. Als die junge Frau nach einem zwei Wochen dauernden Koma aufwacht, ist sie rechts halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. "Hand" ist ihr erstes Wort und es bleibt für lange Zeit eines der ganz wenigen. "Mir war zuerst gar nicht bewusst, dass ich nicht mehr sprechen kann", sagt Andrea Beyer heute. "Ich hatte kein Störungsbewusstsein, habe es automatisch gesagt und konnte nichts dagegen tun."

Noch einmal gelernt, zu sitzen und zu schlucken

Die heute 36-Jährige, damals zunächst einen Monat lang über einen Schlauch durch die Nase ernährt, muss auf der Intensivstation erst einmal wieder lernen, zu schlucken und zu sitzen. Letzteres fällt ihr nicht nur wegen des Beckenbruchs, sondern vor allem wegen der Lähmung doppelt schwer. Die eigentliche Körpermitte ist nicht mehr spürbar, was zu anstrengenden Ausgleichsversuchen führt. Selbstständig zu stehen ist zu diesem Zeitpunkt gar nicht möglich, weil der rechte Fuß wegen der Lähmung ständig umknicken würde. Dies verhindert eine später über das Gelenk gesetzte Schiene - eine so genannte Orthese.

Stück für Stück wird Andrea Beyer selbstständiger und kann nach sechsmonatiger Rehabilitation in Plau sitzen, stehen und mit Hilfe auch wieder einige Schritte gehen. Was die Sprache betrifft, sind es nach dem halben Jahr schon wieder einige Stichworte, aber das ganze Ausmaß des Unfalls ist der jungen Frau nach wie vor nicht bewusst: "Damals dachte ich noch, dass ich bald wieder in meinem Beruf arbeiten werde."

Nach der Zeit in Plau schließt sich eine vier Jahre dauernde Langzeit-Reha in Berlin an, fortgesetzt mit einem Selbstständigkeitstraining: Allein in die Stadt gehen, einkaufen, eine Waschmaschine bedienen, sich anziehen, um nur einige Beispiele zu nennen - scheinbar selbstverständliche, mühelos zu erledigende Dinge, die plötzlich zu Riesenaufgaben werden. "In dieser Zeit wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich schon wegen meiner Sprache nicht wieder wie früher arbeiten kann", berichtet Andrea Beyer.

Sie wohnt heute bei ihrer Mutter in der Nähe von Ludwigslust und kommt zweimal in der Woche zur ambulanten Therapie nach Plau am See: "Ich lerne nach wie vor." In einem Projekt des Aphasikerzentrums zeigt die 36-Jährige unter anderem Schülern, wie man mit einer Hand und speziellen Hilfsmitteln Brot schneidet, Kartoffeln schält, sich die Jacke anzieht und im Rollstuhl fährt. "Natürlich können auch wir erzählen, was alles möglich ist, aber dann ist es weit weg, nach dem Motto: ,Mir passiert es eh nicht", so Anja Richter vom Aphasikerzentrum. "Bewegender ist es, wenn ein Betroffener berichtet. Auch in Parchim etwa waren die Zuhörer im Gymnasium und in der Berufsschule sichtlich berührt."

Andrea Beyer hat nie aufgegeben. Ihr Blick richte sich ausschließlich auf die Zukunft und darauf, anderen Mut zu machen - nicht auf das, was war und nicht mehr geht. "Besonders wichtig dafür, genug Kraft aufzubringen, war und ist die Unterstützung durch meine Mutter und meine Schwester", sagt sie. Das Sprechen verbessert sich nicht nur durch die jeweils sechswöchige, einmal im Jahr stattfindende Intensivtherapie in Köln, sondern auch durch den täglichen, aktiven Umgang mit Menschen, was neue Verknüpfungen im Gehirn herstellt.

Die 36-Jährige nimmt Herausforderungen gern an, wozu auch gehört, auf der Feier anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Aphasikerzentrums am Sonnabend in Plau vor Publikum zu sprechen: "Es geht immer weiter, ein Leben lang."

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