„Hysterie und Paranoia“

von
15. August 2008, 09:42 Uhr

Peking - Zwei oder drei Sicherheitsbeamte reichen aus. Mit Megafonen treiben sie die Menge auseinander, als ein Fernsehteam ein bisschen ungezwungene Atmosphäre einfangen will. „Weitergehen. Bleiben sie hier nicht stehen“, fordern sie die Menschen auf. Junge Frauen mit T-Shirts, auf denen „I love China“ steht, oder Männer, mit herzförmigen China-Aufklebern auf den Wangen, müssen ihre Fotosession in Sichtweite des Olympiageländes beenden. Fast 200 Menschen ziehen meist unverrichteter Dinge wieder ab.

Jahrelang hat die Gastgeberstadt ihre Bewohner akribisch auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Westliche Benimmstandards, Formen der Begrüßung und Fremdsprachen wurden Groß und Klein aufgedrängt. Und nicht zuletzt wurde landesweit für 400 Millionen Schüler die olympische Erziehung als Unterrichtsfach eingeführt. Die Werte und Ideale der olympischen Idee sollen vermittelt werden:

Freundschaft, Friede, Harmonie zwischen den Völkern der Welt. Doch ausgerechnet jetzt, wo all die Theorie gelebt werden könnte, machen die Behörden den chinesischen Olympiafans einen Strich durch die Rechnung. Menschenaufläufe werden aufgelöst. Nicht nur, aber besonders auch wenn Fernsehkameras in der Nähe sind. Die Angst vor laufenden Bildern protestierender Massen und dem Kontrollverlust ist groß. Das Public Viewing im Chaoyang Park hat man schon vor der Eröffnungsfeier wieder abgesagt.

Für spontane Emotionen bleibt kein bisschen Raum in Peking. „Es herrscht Hysterie und Paranoia“, sagt ein Mitglied des Organisationskomitees BOCOG hinter vorgehaltener Hand. Und auf die tausenden milchgesichtigen Sicherheitskräfte auf den Straßen der Stadt haben sich genau diese Hysterie und Paranoia übertragen. Kaum richtet ein Fernsehteam seine Kamera auf eine Menschenmenge, stürmt ein Aufpasser herbei und will das Drehen verbieten. Englisch sprechen die jungen Männer fast nie. Nur wer chinesisch spricht, oder energische Übersetzer an seiner Seite hat, die auf das Recht zur freien Berichterstattung pochen, kann weiter arbeiten.

BOCOG-Sprecher Sun Weide ist sicher, dass all dies „nur Missverständnisse sind“. Man solle sich an das Büro für öffentliche Sicherheit wenden. „Wir haben alles getan, um eine wunderbare Atmosphäre zu schaffen“, sagt Sun.

Der Mann hat prinzipiell Recht. Peking blüht in allen Farben, die soziale Unterschicht stört die Party nicht, weil sie der Stadt verwiesen wurde, und der Verkehr läuft einwandfrei, weil das Autofahren nur eingeschränkt erlaubt ist. Doch Peking gelingt es nicht, diese Scheinwelt als Imageträger zu vermarkten. Denn gleichzeitig tun die Chinesen alles, um die künstlich geschaffene Atmosphäre wieder zu verderben.

Hinzu kommt die massive Beschattung von ausländischen Journalisten außerhalb des Olympiageländes. Das Netz der Staatssicherheit auf den Straßen ist derart eng geknüpft, dass man kaum länger als fünf Minuten mit jemandem unter vier Augen sprechen kann, ohne dass jemand hinzu kommt, der die Unterhaltung an sich reißt, oder das Gegenteil von dem behauptet, was der Gesprächspartner gesagt hat.

Wer versucht, auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit Chinesen ins Gespräch zu kommen, wird sofort von mindestens einem Chinesen mehrfach aus nächster Nähe fotografiert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen