Hungerstreik am Kanzleramt

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14. Mai 2009, 11:04 Uhr

Berlin | Die Nacht war kalt. Aber Sabine Holzmann hat durchgehalten. Und sie will weitermachen. "Ich hungere für den Milchgipfel", steht auf dem Pappschild, das sie sich um den Hals gehängt hat. Geschlafen hat die 42-jährige Milchbäuerin aus Niederbayern unter freiem Himmel, nur einen Steinwurf entfernt von Bundeskanzleramt und Reichstagsgebäude. Sabine Holzmann ist seit Mittwoch im Hungerstreik für höhere Milchpreise. Fünf Mitstreiterinnen hat sie, die mithungern.

Daheim, im Landkreis Landshut, sorgt Ehemann Martin für die 47 Kühe im Stall. Der Hof steht vor dem Ruin. 28,1 Cent je Liter Milch bekommen die Holzmanns von der Molkerei ausgezahlt, so wenig wie nie zuvor. "Bei diesem Preis vielleicht noch ein halbes Jahr - dann geht es mit dem Betrieb den Bach runter." Die Landfrauen bestehen auf ein Treffen mit der Kanzlerin - daher der Hungerstreik. Tee trinken sie schon, aber keine Milch. Die Verzweiflung steht den Frauen ins Gesicht geschrieben. Einige von ihnen haben sogar Tränen in den Augen. Dass Angela Merkel die Milchpreise als "unfair" bezeichnet hat und die Bauern bei der Agrardiesel-Steuern entlassen will, haben sie mitbekommen. Doch zufrieden sind sie damit nicht.

Mit Schlafsäcken und ThermoskannenViele der Frauen haben im letzten Jahr beim Milchlieferboykott mitgemacht. Nur fielen die Preise danach immer weiter. 40 Cent je Liter - das würde die Kosten decken, sagen sie im Protestcamp am Kanzleramt. Hier haben es sich die Landfrauen eingerichtet, mit Liegestühlen, Wolldecken, Schlafsäcken und Thermoskannen. Kurz hatten sie Gelegenheit, mit Bundesagrarministerin Ilse Aigner von der CSU zu sprechen. Auch CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer schaute vorbei, ebenso Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. Konnten die Politiker Hoffnung machen? Sabine Holzmann winkt ab. "Das Übliche" habe man von der Ministerin zu hören bekommen. Die Politik könne bei den Milchpreisen nicht direkt eingreifen und so weiter. Und Ramsauer? Der habe versprochen, der Kanzlerin eine SMS zu schicken - mit der Bitte, die Bäuerinnen zu empfangen.

Einmal mehr zeigt sich in Berlin, dass die Landwirte nicht an einem Strang ziehen. Die Gräben zwischen Bauernverband und dem Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) sind tief - man demonstriert getrennt, nicht gemeinsam. Landfrau Sabine Holzmann ist beim BDM mit von der Partie. Sie fühlt sich vom Bauernverband nicht gut vertreten. Ein paar hundert Euro weniger Steuern auf Agrardiesel zu zahlen, würde ihrem Betrieb nichts bringen, sagt sie. Bis zu 1000 Liter täglich liefert ihr Betrieb an die Molkerei. Angesichts des aktuellen Preistrends wären in diesem Jahr mehr als 50 000 Euro weniger in der Kasse als 2008, rechnet sie vor. Lange könne man da nicht mehr durchhalten.

Die Holzmanns sind kein Einzelfall: Nach Schätzung des Bundes Deutscher Milchviehhalter steht ein Drittel der Milchviehbetriebe vor dem Aus. Die Solidarität der Berliner Passanten sei groß, sagen die Landfrauen. "Manche bringen uns Tee und Kaffee oder bieten uns einen Schlafplatz für die Nacht an."

"Frau Merkel soll ihren Einfluss geltend machen"Auf den Plakaten des BDM ist die Forderung nach einer "flexiblen Mengensteuerung " zu lesen. Das hört sich zunächst technisch an. Es bedeutet aber, dass die Milchmenge auf dem Markt je nach Preissituation gesteuert werden soll.

Forderungen, über die vor allem im Bundesrat und in Brüssel zu entscheiden ist. "Frau Merkel hat Einfluss. Den kann sie dort geltend machen. Das hat sie bisher nicht getan", kritisiert Holzmann.

Aufgeben? Das kommt für sie nicht infrage. Der Hungerstreik hier am Bundeskanzleramt ist unbefristet.

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