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12. Dezember 2017 | 22:48 Uhr

Hobbygärtner geben Schlüssel ab

vom

svz.de von
erstellt am 02.Aug.2010 | 07:44 Uhr

Warnemünde | Diebe haben in den vergangenen Wochen ihr Unwesen in der Kleingartenanlage "Deutsche Reichsbahn" getrieben. Sie hatten vom bevorstehenden Aus der Kolonie gehört und meinten, alles mitnehmen zu können, was nicht niet- und nagelfest ist. "Ich traue mich kaum noch in meinen Garten. Der Zaun ist eingerissen, Gewürze und Sofakissen sind verschwunden. Es ist ein beklemmendes Gefühl", sagt Elke Helms, die sich inzwischen bereits seelisch und moralisch von ihrer grünen Oase verabschiedet hat. Die Aerobictrainerin sagt, dass sie schon vor einiger Zeit, als vom Aus der Anlage gemunkelt wurde, auf der Suche nach einer Alternative war. "Wir haben einen anderen Garten sowie freundliche Nachbarn gefunden. Allerdings war das hier ein besonders nettes Team", sagt die 52-Jährige, die gestern ihre Schlüssel an Michael Kretzschmar abgegeben hat.

Der Geschäftsführer des Verbandes der Gartenfreunde Hansestadt Rostock hat gestern sämtliche Schlüssel von den Pächtern der insgesamt 80 Parzellen entgegengenommen. Weitergeben wird er sie den Vertretern der Köster & Nissen Immobilienverwaltungs GbR, sobald diese die vereinbarte Geldsumme in Höhe von rund 500 000 Euro komplett gezahlt haben. Bis zum gestrigen Tag waren rund zwei Drittel der Summe auf das Konto des Verbandes der Gartenfreunde geflossen; mit dem Rest wird heute gerechnet. "Wir zahlen dann sofort entsprechend den Schätzungen den jeweiligen Betrag an die Gartenfreunde aus", versicherte Kretzschmar beim gestrigen Treffen mit den Laubenpiepern, an dem auch Investor Jan-Peter Nissen teilgenommen hat. Er überzeugte sich bei dem Rundgang davon, dass die Parzellen von den Gärtnern wie vereinbart in Ordnung gehalten worden sind und keine Müllhalde entstanden ist. "In etwa zwei Wochen werden wir mit dem Abriss beginnen und Baufreiheit schaffen. So lange können die Pächter ihre Parzellen noch nutzen", sagte Nissen. Er erklärte den Hobbygärtnern auch, weshalb es zu einer vierwöchigen Verzögerung hinsichtlich der Überweisung des Geldes gekommen ist: "Wir waren von der Zahlung Dritter an uns abhängig."

Während des Rundgangs durch die Anlage kam Nissen mit etlichen Kleingärtnern ins Gespräch. Ingrid Boos, die ihren Mann Peter im Rollstuhl schiebt, berichtet von schönen, rund 30 Jahren auf der kleinen Scholle. "Das ist für uns ein schwerer Abschied. Glücklicherweise haben wir hinter unserem Mietshaus einen Hof, wo wir in der Sonne sitzen können", sagt die 67-Jährige.

"Bei mir haben Diebe in der vergangenen Woche drei Mal eingebrochen. Die hatten Glück, dass ich sie nicht erwischt habe", sagt Gerhard Köller, der sich noch immer für seine Parzelle verantwortlich fühlt. "Bei der Hitze habe ich 14 Tage lang meine Johannisbeeren gegossen. Am 15. Tag waren sie weg. Gestohlen, so wie andere Dinge auch", sagt der 76-Jährige, der sich keinen neuen Garten anschaffen will. "Bei mir haben Unbekannte den Zaun abgebaut. Dafür liegt hier jetzt ein Kinderroller", fügt Hagen Gelbe-Haußen hinzu, der schon eine neue Parzelle in Lichtenhagen bewirtschaftet. Auf schöne Jahre in der Anlage blickt Brigitte Haertelt zurück. "Jetzt bin ich zu meinen Kindern gezogen, da gibt es genug zu tun." Damit tröstet sich die 60-Jährige. Alfrieda Ahrendt hat den Garten von ihren Eltern übernommen. "Nach 1945 haben sie hier angebaut, was möglich war und uns Kinder vor großem Hunger bewahrt", erzählt die 74-Jährige, die mit ihren Freundinnen Ausschau nach einem anderen Platz für gesellige Runden halten muss. "Hoffentlich wird diese Oase der Erholung nicht ein weiterer Schandfleck für Warnemünde", sagt Monika Schult, die ihrer Bekannten im Garten hilft.

Wie geht es nun weiter mit der Fläche entlang der Gleise? Ein völlig neues Quartier mit Wohnungen und einer Sporthalle soll entstehen. "Allerdings bauen wir die Halle nicht selbst. Da muss ein Verein ran, der Fördermittel beantragen kann. Und das sehr, sehr schnell", sagt Nissen mit Blick in Richtung Rathaus. Die Mitglieder der Anlage "Deutsche Reichsbahn" haben auf einer Versammlung die Auflösung ihres Vereins beschlossen. Auf einem weiteren Treffen gilt es das Vorhaben in die Tat umzusetzen und den Vorstand zu entlasten. "Sollte nach Begleichung von Kosten für Strom und Wasser noch etwas Geld vorhanden sein, wird dieses gemeinnützigen Zwecken zugeführt", sagt Vereinsvorsitzender Christian Seifert.

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