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Mestlin: Ausstellung „Landwirte im Widerstand von 1933 bis 1945“ : Hitlers bäuerliche Gegner

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In wenigen Tagen jährt sich das Ende des 2. Weltkrieges und der Naziherrschaft zum 66. Mal. Der Verein Denkmal Kultur Mestlin e.V. zeigt eine Wanderausstellung.

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erstellt am 27.Apr.2011 | 11:59 Uhr

Es ist eine besondere Ausstellung zu einer besonderen Zeit. In wenigen Tagen jährt sich das Ende des 2. Weltkrieges und der Naziherrschaft zum 66. Mal. Der Verein Denkmal Kultur Mestlin e.V. zeigt im oberen Foyer des Kulturhauses eine Wanderausstellung, die diesem Thema gerecht wird und eine ganz besondere Berufsgruppe in den Mittelpunkt stellt. "Landwirte im Widerstand 1933 - 1945" heißt sie und wurde vom Rostocker Diplomlandwirt Gerhard Fischer konzipiert und umgesetzt (SVZ berichtete).

Wie Fischer selbst betont, handelt es sich nicht um eine korrekte wissenschaftliche Aufarbeitung im Sinne von Historikern, sondern "es ist eine Wanderausstellung von einem Landwirt für seine Berufskollegen". Nach seinen Worten geht es ihm vor allem darum, das Andenken an diejenigen Angehörigen der Opposition der damaligen Zeit zu ehren, die nicht im Rampenlicht standen. Denn meist wird bei den Widerstandsgruppen z. B. an die militärischen Kreise, an die Sozialdemokraten und Kommunisten sowie an die Kirche gedacht - Landwirte kommen kaum vor. Und wenn, dann denken nicht wenige an die Junker, die in der Öffentlichkeit zumeist nicht als Oppositionelle wahrgenommen wurden.

72 der Bauern im Widerstand - 36 in der Ausstellung und noch einmal so viele in einem Begleitbuch - gibt Fischer den ihnen zustehenden Platz und holt sie aus dem Tal des Vergessens. Dabei spielt die soziale Herkunft keine Rolle, Fischer stellt den Landarbeiter vor und auch den Großgrundbesitzer.

Darunter zum Beispiel Friedrich Wehmer aus dem mecklenburgischen Plate, der von 1885 bis 1964 lebte. Der Sohn eines Wald- und Ziegeleiarbeiters leitete die Ortsgruppe der SPD in Plate und war Ortsvorsteher sowie Mitglied des Landtages in Schwerin. Nachdem die Nazis 1933 an die Macht kamen, verlor Wehmer seine Funktionen. Bis 1944 arbeitete er als Geschäftsführer der Raiffeisengenossenschaft und wurde wegen des Verdachts der illegalen Betätigung 1944 verhaftet.

Auch der Vater des heutigen Mecklenburgers Johann Scheringer, Richard Scheringer, der von 1904 bis 1986 lebte, hat einen Platz in dieser Würdigung gefunden. Vor allem sein Sohn Johann, der der Vernissage in Mestlin beiwohnte, erinnerte in eindrucksvollen Worten an seinen Vater. "Der Widerstand ist nicht nur der 20. Juli 1944, die größten Opfer brachten Sozialdemokraten und Kommunisten. Auch vor 1933 gab es den Widerstand", meinte Johann Scheringer, der u.a. an die Zeit der Festungshaft seines Vaters 1930 erinnerte.

Diese Ausstellung, so betonte der bisherige Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Dr. Lutz Reinhardt, stellt Landwirte in einer völlig anderen Art vor und vor allem würdigt sie das unermessliche Leid, welches damals auch über die Landbevölkerung kam. "Junker waren nicht alle Nazis und dass die Landwirte keine Rolle in der Widerstandsbewegung spielten, ist falsch", sagte Reinhardt, der Fischer ausdrücklich dafür dankte, dass dieses Thema aufgearbeitet wurde. Im Übrigen würdigte er die Ausstellung, die an historischer Stätte stattfände, denn "auch hier ist das Wirken Bernhard Quandts zu spüren." Quandt, der mit dem Begriff Bodenreform untrennbar verbunden ist, war bereits in der Weimarer Republik wegen seiner antifaschistischen Haltung verhaftet worden und saß von 1939 bis 1945 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau. Reinhardt sprach aber auch von der unterschiedlichen Aufarbeitung des Faschismus in den beiden deutschen Staaten und von der starken Einseitigkeit davon in der DDR. "Heute ist vieles mehr bekannt als früher, sorgen wir dafür, dass nichts in Vergessenheit gerät und die Erinnerung wach bleibt", forderte er.

Professor Dr. Fritz Tack, langjähriges Mitglied der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock, Vorsitzender der Thünengesellschaft e.V. in Tellow und in der Region aufgewachsen, mahnte in seinem Grußwort angesichts der heutigen NPD-Landtagsmandate zu mehr Wachsamkeit und forderte mehr persönliches demokratisches Engagement. "Das ist ein aktiver Beitrag zur Bewahrung des Andenkens an die tapferen Frauen und Männer des antifaschistischen Widerstands", so Tack. Dass diese Ausstellung auch einen Beitrag leisten sollte, dafür zu sorgen, dass bei den kommenden Landtagswahlen die NPD nicht wieder in den Landtag einzieht, das wünschten sich alle Anwesenden dieser Vernissage.

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