Hintergrund: Ein „Gewalttsunami“

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06. Juli 2010, 09:13 Uhr

Gewalt gegen Polizeibeamte hat in Deutschland in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Nach Einschätzung des Chefs der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, erlebe das Land „eine Welle der Gewalt, die nicht wieder abebbt“. Hätten sich früher Personen meist nur gegen Polizeiaktionen gewaltsam zur Wehr gesetzt, würden Beamte heute aktiv angegriffen, sagt Wendt, der von einem „Gewalttsunami“ spricht.

Prominentestes Opfer war der Passauer Polizeichef Alois Mannichl, der am 13. Dezember 2008 an der Tür seines Wohnhauses in Fürstenzell von bislang unbekannten Tätern niedergestochen und lebensgefährlich verletzt wurde. Nur fünf Tage später wurde in Duisburg eine 31-jährige Polizeibeamtin von einer Frau krankenhausreif zusammengeschlagen. Bereits im April 2007 war auf der Heilbronner „Theresienwiese“ eine 22-jährige Polizistin erschossen worden. Ein 24-jähriger Kollege wurde schwer verletzt. Die Täter entkamen unerkannt.

Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) stieg die Zahl der schweren Übergriffe, bei denen die Betroffenen wegen der Verletzungen mindestens eine Woche nicht zum Dienst erscheinen konnten, von 2005 bis 2009 um 60 Prozent. Mehr als jeder Vierte der befragten 22 500 Polizisten gab an, im Jahr 2009 geschlagen oder getreten worden zu sein. Die Zahl der Attacken hat nach Angaben des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam ihren Rekordstand seit Beginn der statistischen Auswertung erreicht.

Der Trend setzt sich auch in diesem Jahr fort. So wurde am 21. Mai in Unterschleißheim bei München eine Gruppe von Polizeibeamten von rund 50 Besuchern eines Festes beleidigt, bedrängt, geschlagen und getreten. Bei einer Demonstration in Berlin warfen am 12. Juni Unbekannte einen Sprengsatz auf die Polizei, zwei Beamte wurden schwer verletzt. Vor zwölf Tagen gingen in Hamburg etwa 30 Schläger gegen Polizisten vor, ein 46-jähriger Beamter erhielt durch Tritte lebensbedrohliche Kopfverletzungen.

In Mecklenburg-Vorpommern werden pro Jahr etwa 50 Polizeibeamte bei Übergriffen verletzt. Allein im Bereich der Polizeidirektion Anklam stieg die Zahl von Übergriffen und Widerstand gegen Beamte seit 2008 um fast 30 Prozent auf 97 Delikte im vergangenen Jahr.

Im Juni eröffnete die Stiftung der DPolG im Juni im oberbayrischen Lenggries ein Zentrum für traumatisierte Polizeibeamte.
Einen Tag später verständigte sich die CDU-FDP-Koalition in Berlin darauf, die Höchststrafe für Übergriffe auf Polizeibeamte von zwei auf drei Jahre zu erhöhen.

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