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25. September 2017 | 20:55 Uhr

Hier trifft Geschichte auf Natur

vom

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erstellt am 25.Jun.2010 | 06:51 Uhr

Lenzen | Entspannt steht Dr. Manfred Jakobi auf dem Grenzturm an der Fähre Lenzen. Sein Blick schweift über den Fluss hinüber nach Niedersachsen. Heute vor 20 Jahren war das nicht möglich. Wenn überhaupt, durfte das Gebiet nur mit einem speziellen Passierschein betreten werden. Der Tierarzt hatte einen solchen und schoss mit seiner Praktika heimlich Fotos: von der Landschaft, vom Grenzzaun, von den gesicherten Toren. Seit gestern sind einige seiner Fotos im Grenzturm zu sehen. Im Rahmen des Projektes Grünes Band wurde dieser für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine Aufnahme zeigt Lütkenwisch im Jahr 1988, auf dem Deich ein runder Wachturm. Die verbliebenen Einwohner lebten mit und am Zaun, der wenige Meter wie ein undurchsichtiger Wall vor ihren Häusern stand. "Sie konnten nicht hindurch schauen, eine spezielle Stanzung verhinderte dies", erzählt Jakobi, der seit 1965 im Grenzgebiet arbeitete.

Musste er Schafe, Rinder oder die Hunde der Grenzer untersuchen, durfte er das Gebiet betreten - unter Bewachung. "Per Fernbedienung wurden die Schlösser ausgelöst, am Tor folgte die Meldung über unsere Ankunft. Aufschließen des Vorhängeschlosses, Durchfahren, Verschließen, erneute Meldung", beschreibt er den Ablauf. Die hinterlassenen Spuren im Sand harkten die Soldaten über.

25 Jahre lang erlebte Jakobi das Grenzsystem hautnah mit. "Ich kenne noch die Minenfelder, bevor der erste Zaun gebaut wurde. Ich habe die Selbstschussanlagen gesehen, weiß, wie viele Signaldrähte, Leitungen, Steckdosen verbaut wurden. Wer dies nicht gesehen hat, kann sich gar nicht vorstellen, was alles an Material verbaut wurde, während wir nicht einmal genügend Glasfiberstäbe für unsere Koppelzäune hatten." Seinen Fotoapparat hatte er zwischen Medikamenten und Ins trumenten versteckt. Erwischt wurde er beim Knipsen nur einmal, "das ging glimpflich aus". Als am 2. Dezember 1989 erstmals wieder die Fähre fuhr, war Manfred Jakobi ebenfalls vor Ort, auch dieses Foto ist im Turm zu sehen.

Das Grüne Band umfasst die früheren Grenzregionen Thüringer Wald, Harz und Elbe. "Der Grenzturm dürfte einer der attraktivsten Erlebnispunkte in unserem Bereich sein, der Natur und Geschichte miteinander verbindet", sagt Projektleiterin Susanne Gerstner von der Burg Lenzen. Gelegen am rund 200 Kilometer langen Vier-Länder-Grenzradweg hofft sie auf interessierte Besucher, der Turm ist tagsüber stets geöffnet.

Ab 2007 begannen die Überlegungen, was aus dem Wachturm werden sollte. Keinesfalls sollte er wie der benachbarte Führungsturm komplett abgebaut werden. Die Stadt Lenzen kaufte ihn, was die Voraussetzung für einen Umbau gewesen sei. Dieser erfolgte behutsam. "Wir haben den Ausstellungsraum nicht geputzt, nicht neu geweißt. Er soll möglichst authentisch wirken" so Gerstner. Deshalb seien die Bilder dezent gehalten, meistens in Schwarz-Weiß. Um so auffallender die farbigen Naturfotografien von Dieter Damschen, der ebenfalls hier ausstellt.

Gerstner dankt der Unteren Denkmalbehörde vom Kreis und spricht von einer "nicht selbstverständlichen Zusammenarbeit". In anderen Regionen seien Umbauten an Grenztürmen abgelehnt worden. Leiterin Ortrud Effenberger betont, "wir gehen anders heran". Sie habe dem Projekt offen gegenüber gestanden. "Aus der Nutzung heraus resultiert die Bewahrung", sagt sie. Unter diesem Gesichtspunkt sei das Projekt zu begrüßen. Den größten Eingriff stelle die Außentreppe dar, "aber das ist hinnehmbar", so Effenberger.

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