Hier schlägt das Herz der Stadt - Bahnwerk Wittenberge legt beeindruckende Zahlen vor

Dietmar Brendike arbeitet seit mehr als 30 Jahren im Werk, derzeit in der Toilettenreinigung. Foto: Hanno Taufenbach
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Dietmar Brendike arbeitet seit mehr als 30 Jahren im Werk, derzeit in der Toilettenreinigung. Foto: Hanno Taufenbach

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19. August 2008, 08:30 Uhr

Wittenberge - Wie lange ist er dabei: Die Frage kommt spontan und Dietmar Brendike muss einen Augenblick überlegen. „Mehr als 30 Jahre sind es schon“, sagt er dann. Damals machte der Perleberger im Werk seine Ausbildung zum Tischler, arbeitete im Wagenbau. Er qualifizierte sich zum Schlosser und mittlerweile gibt es kaum eine Abteilung, in der er in diesen drei Jahrzehnten noch nicht gearbeitet habe. Heute reinigt er Zugklos.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Wer im Zug mal muss, ahnt nicht, welche Technik sich zwischen seinen Beinen und unter seinen Füßen verbirgt. Das Modul wird pneumatisch und elektronisch gesteuert. Dietmar Brendike hat mehrere Kabel vor sich, verschraubt und steckt Teile ineinander. Etwa fünf Stunden vergehen im Schnitt, bis er dem WC einen neuen TÜV verleiht.

Unter jedem Reisewagen befindet sich ein Fäkalienbehälter. Fassungsvermögen rund eine Tonne. „Im Winter werden die beheizt, sonst lassen sie sich nicht lehren“, sagt Werkleiter Dietmar Schmidt, der für gestern zu diesem Presserundgang eingeladen hatte. Fakten, die Fahrgäste nicht wissen können, auch nicht wissen müssen. Gereinigt werden die Behälter in Wittenberge.

Es ist eine der kleineren Abteilungen im 1876 gegründeten Werk, dessen Kernkompetenz im Bereich der schweren Fahrzeuginstandhaltung liegt. Aufarbeitung von Radsätzen und Drehgestellen oder die Modernisierung von Reisewagen zählen dazu. Untrennbar ist das Werk seit 1953 mit der Instandhaltung von Doppelstockfahrzeugen verbunden.

23 000 Radsätze pro Jahr: „Damit nähern wir uns unserer Leistungsgrenze, aber wir wollen die Kapazität noch erhöhen“, kündigt Schmidt an und nennt weitere Zahlen: „1087 Drehgestelle, etwa 1100 Reisezugwagen, mehr als eine Million Fertigungsstunden in diesem Jahr und eine Umsatzerwartung von 153 Millionen Euro.“

Zahlen sind dem Werkleiter wichtig, der vor rund einem Jahr die Nachfolge von Hans-Peter Michlitz antrat. Zahlen beeindrucken nicht nur, Zahlen sollen die Bedeutung seines Betriebes für die Region untermauern: „Wittenberge hängt am Puls dieses Werkes. Es ist wichtig, dass es nicht aufhört zu schlagen.“

Allein zwölf Millionen Euro Nettokaufkraft fließen durch die DB Fahrzeuginstaltung GmbH jährlich in die Prignitz. 5,1 Millionen gibt Schulz in diesem Jahr für die Instandhaltung aus, 3,1 Millionen für Neuinvestitionen. „Aufträge für 4,4 Millionen Euro bleiben in der Region.“ Davon profitieren Spediteure wie Detlef Benecke oder der Bäcker um die Ecke.

„Alles keine Selbstverständlichkeit“, betont Dietmar Schmidt. Der Wettbewerb sei hart, sehr hart. Sein
Werk bekomme nichts geschenkt. „Wir müssen uns in der Konkurrenz behauten, stehen im Wettbewerb mit Betrieben aus der Industrie, die zum Teil gleiche Leistungen anbieten.“

Großaufträge wie 2005/07 für das italienische Unternehmen Trenitalia, für die holländische Eisenbahn oder wie erst kürzlich für ein bayerisches Unternehmen seien immens wichtig. Gegenwärtig laufen erfolgsversprechende Verhandlungen für ein neuen, lukrativen Auftrag.

Sonderprojekte wie die Wagen für den Kaiserbahnhof Potsdam oder für den OrientExpress beweisen nicht nur das „hohe handwerkliche Geschick der Mitarbeiter“, sondern seien auch gut fürs Image.

Aber all das allein genüge nicht. Die Sicherung des Standortes sei kein Selbstläufer, erfordere ständig neue Ideen. So will das Werk sein Angebotsprofil vor allem in der Netz- und Notfalltechnik ausbauen. Mitarbeiter seien zu Reparaturaufträgen bundesweit im Einsatz. Größere Aufträge würden vor Ort realisiert.

Doch nicht nur die Großkunden seien von Bedeutung. Das Werk und seine Mitarbeiter selbst wollen mit innovativen Ideen den Markt beeinflussen, Impulse geben und Lösungen entwickeln. Der Kunde sei halt König. Das gilt auch für die kleinen Details. „Wenn jemand eine goldene Schüssel oder goldene Türgriffe im Reisewagen wünscht, bekommt er diese“, sagt Schmidt. Nur so lasse sich gewähren, dass auch künftig an diesem Standort das Herz der Stadt Wittenberge schlägt.

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