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Herzstück und isolierter Einzelgänger

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erstellt am 03.Jun.2010 | 06:53 Uhr

Güstrow | Das Ehrenmal von Ernst Barlach im Magdeburger Dom zeige die "meisterliche Formensprache eines seelisch kranken Künstlers." So die Meinung von Wolfgang Willrich, der unter dem Titel "Säuberung des Kunsttempels" 1937 seine "Kampfschrift zur Gesundung deutscher Kunst" publizierte. Barlachs Figuren seien nicht heroisch, sondern "dumpf" und geradezu "felddienstunfähig"! Nicht zu gebrauchen also, um den nationalsozialistischen Mythos vom streitbaren Kämpfer und Herrenmenschen zu befördern.

Unter den Bildhauern in Mecklenburg war Barlach (1870-1938) so ziemlich der einzige Modernist. Erratisch wie ein Fels aus der Brandung ragt er aus den konservativen Strömungen um ihn he-rum. In der ländlichen Region hatte es die Avantgarde anders als in den Bildhauerzentren Berlin oder München schwer. Die Blut-und-Boden-Kunst der Nazis fiel da auf fruchtbareres Land. Das belegt die neue Schau der Barlach Stiftung, in der neben einer Gipsfassung des Magdeburger Ehrenmals auch der brachiale Siegerentwurf Arno Brekers für ein nationalsozialistisches "Denkmal der Bewegung" in Rostock zu sehen ist. Mit drei Ausstellungen in drei Häusern widmet sich das Gemeinschaftsprojekt "Schönheit pur" der Kunst Mecklenburgs zwischen 1900 und 1945. Während im Kulturhistorischen Museum in Rostock Malerei und im Max-Samuel-Haus Graphik zu sehen ist, zeigt die Güstrower Stiftung Bildhauergrafik und Plastik.

Wunderbar schlüssig stellt sich der Rundgang dar. Beginnt mit Wilhelm Wandschneiders noch ganz der Antike verpflichtetem "Sieger" (1905) und dem realistischen Porträt "Herbert" von Gerhard Marcks (1934), der Anfang der 1930er-Jahre in Niehagen auf dem Fischland arbeitete. Führt weiter über Gustav Wallats lieblichen "Wasserträger" und Georg Kolbe, der seine Werke 1935 im Kunstverein Rostock zeigte. Bis hin zu Wandschneiders "Mähendem Bauer" (1934) sowie Richard Scheibes "Arbeiter" (1937), die beide exemplarisch dem von den Nazis geforderten Ideal des tüchtigen deutschen Ackerbürgers entsprachen. Das Zentrum der Skulpturenhalle aber nimmt Barlach ein, der auf diese Weise ebenso Herzstück wie isolierter Einzelgänger ist.

In Bibliotheken und Archiven forschte Dr. Volker Probst nach Erwähnungen von Mecklenburger Künstlern und gestaltete darum seinen Ausstellungsparcours. Dominierend dabei: Wilhelm Wandschneider (1866-1942), Antisemit und seit 1930 Parteigänger der NSDAP, der ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts steht. Und der Expressionist Barlach. Als Antipoden stehen sie einander gegenüber. Hitler selbst kaufte 1940 die "Aphrodite" von Wandschneider für seine Reichskanzlei in Berlin. Eine kleine Schwester von ihr steht mit der "Tamburin-Tänzerin" nun in Augenkontakt zu Barlachs "Dorfgeiger", den der Bildhauer, nachdem er sich 1910 in Güstrow niedergelassen hatte, der Stadt schenkte. Auch der ruhende Geiger war dem damals propagierten "deutschen Wesen" wohl eher fremd. Die Stadt verkaufte die Figur 1936 für gerade mal 350 Reichsmark. Ebenso das "Menschenpaar", das 1937 während der Aktion "Entartete Kunst" aus dem Museum Rostock entfernt wurde, bei der im gesamten Reichsgebiet mehr als 20000 Kunstwerke konfisziert wurden - allein 674 von Barlach.

Die Qualität der Güstrower Ausstellung und des Kataloges besteht nicht nur darin, dass sie zum ersten Mal umfassend die Kunst Mecklenburgs zwischen 1900 und 1945 dokumentieren. Eine Arbeit, die in Vorpommern durch die Universität Greifswald bereits geleistet wurde. Die Schau präsentiert darüber hinaus Bildhauer wie Margarete Scheel, Maximilian Preibisch, Hertha von Guttenberg oder Tisa von der Schulenburg, die in der Nachfolge Barlachs den Expressionismus entdeckten, und stellt ihnen wertfrei konservative Bildwerke von Wilhelm Jaeger oder Friedrich Franz Brockmüller gegenüber, der in der Nachfolge des Bildhauers August Gaul nicht nur Feldhamster und Affen porträtierte, sondern auch Hitler und Hindenburg.

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