Projekt Familienhebamme in Schwerin : Helfer vom Amt für Mütter in Not

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Seit dem Hungertod der Lea-Sophie geht die Stadt nicht nur im Jugendamt neue Wege. Um Familien möglichst früh in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken, unterstützen erfahrene und geschulte Frauen ein Jahr lang Mutter und Kind.

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04. November 2010, 12:05 Uhr

Anfänglich mit zwei Hebammen gestartet, sind mit Kathrin Schulz, Dagmar Kliefoth und Astrid Höfs seit diesem Jahr drei Familienhebammen im Einsatz. Landesweit sind es in MV 36.

Aktuell betreut jeder der drei Schweriner Familienhebammen bis zu zehn Familien in einem zeitlichen Budget von sechs Stunden pro Woche. Die Betreuung erfolgt vorwiegend bei allein erziehenden oder überforderten Müttern mit mehreren Kindern. Der oft niedrige Sozialstatus spiele hier eine große Rolle. Um schon durch das Jugendamt betreute Familien im bestehenden Hilfenetz Angebote zu machen, sind die Familienhebammen auch bei so genannten Hilfeplangesprächen im Jugendamt dabei.

"Die meisten Familien, die wir betreuen, haben schon Kinder im Heim oder in einer Pflegefamilie. Sie haben also schon einmal versagt. Wir helfen ihnen, dass sie es mit ihrem jüngsten Kind schaffen", sagt Familienhebamme Kathrin Schulz. Unterstützung bekommen sie und ihre beiden Kolleginnen dabei nicht nur vom Gesundheits- und Jugendamt, sondern auch von Mitarbeitern sozialer Vereine von der Awo bis zum VSP.

"Das Wichtigste ist, dass die Mütter für sich und ihr Kind eine verlässliche Tagesstruktur erarbeiten", sagt Kathrin Schulz. Die Mütter kämen schon sehr gut vorbereitet aus dem Klinikum nach Hause, lobt die erfahrene Hebamme. Aber im Wohnumfeld sei vieles schnell vergessen. Und so hat auch Kathrin Schulz schon eine ganze Palette Erlebnisse vorzuweisen. Die reicht von unangeleinten Kampfhunden über betrunkene Lebenspartner der Mütter bis hin zu verschlossenen Türen zu verabredeten Terminen. Auch ihre persönliche Hemmschwelle hat die Schwerinerin in ihrem Beruf senken müssen. "Sauberkeit in der Wohnung ist nicht meine Aufgabe", sagt Kathrin Schulz.

Sie wiegt und badet die von ihr betreuten Kinder, begutachtet Zustand, Körper und Haut - Früherkennung pur. Sie achtet auf die Einhaltung der Vorsorgeuntersuchungen und der Impftermine. "Ich bespreche auch Ernährung und Pflege mit den Müttern", sagt Kathrin Schulz, die hauptberuflich als Hebamme im Schichtdienst in den Helios-Kliniken arbeitet und auch freiberuflich als Hebamme tätig ist. "Ich habe schon positive Fälle erlebt, dass Mütter einen ganz anderen, positiven Weg eingeschlagen haben, sogar anfingen für sich und ihr Kind zu kochen."

Erst zweimal mussten Kinder aus von ihr betreuten Familien genommen werden. Einmal war der finanzielle Schuldenberg so groß, dass es nicht einmal mehr Strom gab. Ein anderes Mal lebte das Baby zwischen Alkohol und häuslicher Gewalt. "Da muss das Jugendamt handeln", bilanziert die Hebamme.

Es sei "so etwas wie meine soziale Ader", sagt Kathrin Schulz, dass sie sich die Mehrbelastung immer wieder auch mit Freude antue. Denn ebenso wie Geburtsvorbereitungskurse mache man die Arbeit als Familienhebamme nicht zum Geldverdienen. Sechs Wochenstunden können die Familienhebammen seit Jahresbeginn abrechnen. Zuvor waren es vier. An- und Abfahrtszeit ist darin enthalten. "Wir sind zu wenig Familienhebammen und haben zu wenig Zeit dafür", konstatiert Kathrin Schulz. Denn der Bedarf an der auf ein Jahr beschränkten Hilfe vor Ort - danach besuchen die Kinder zumeist die Krippe - steigt ständig. So sehr, so lautet das Fazit der Verwaltungsspitze, dass er die jetzige Kapazität bereits übersteigt.

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