Entwicklungshelferin Katja Horsch aus Güstrow : Helfen, wo die Roten Khmer wüteten

Die Kenntnisse von Katja Horsch helfen in Kambodscha vielen Menschen.privat
Die Kenntnisse von Katja Horsch helfen in Kambodscha vielen Menschen.privat

Güstrowerin Katja Horsch arbeitet seit 18 Monaten als Entwicklungshelferin in Kambodscha. Das Land war das erste Angebot, das sie erhielt, als sie sich vor zwei Jahren bei "Voluntary Service Overseas" bewarb.

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05. November 2010, 12:09 Uhr

Stung /Güstrow | Die Güstrowerin Katja Horsch arbeitet seit 18 Monaten als Entwicklungshelferin in Kambodscha, in Stung, einem kleinen Dörfchen an der Grenze zu Laos. In England lernte die jetzt 29-Jährige für den Einsatz Englisch, weil zuvor eine Bewerbung bei "Ärzte ohne Grenzen" wegen der Fremdsprache scheiterte. Zuerst kellnerte die gelernte Krankenschwester, dann wurde sie nach dreimaligem Anlauf Krankenschwester in einem der größten Lehr-Krankenhäuser in Süd-England. Nach drei Jahren wurde sie befördert und hatte ein Team zu managen. Es blieb der Wunsch, im Ausland zu arbeiten und vor allem zu helfen. Eine weitere Bewerbung bei "Ärzte ohne Grenzen" scheiterte wiederum, es fehlte ihr das Diplom für Tropenmedizin. Dann klappte es aber mit Kambodscha. Das Land in Asien war das erste Angebot, das sie erhielt, als sie sich vor zwei Jahren bei VSO bewarb. VSO heißt "Voluntary Service Overseas" (Entwicklungsdienst in Übersee, siehe Stichwort) und ist eine Wohlfahrtsorganisation, die 1958 in England gegründet wurde. Hier ihr Bericht:

Erst seit zehn Jahren ist das Land relativ sicher

Die erste Reaktion von meiner Mutter war Schock und echte Besorgnis, denn dieses wunderschöne Land ist von Krieg und Massenmord arg zugerichtet worden. Deshalb bin ich auch hier, um zu helfen. Besonders unmenschlich war es unter dem Regime der "Roten Khmer" oder "Khmer Rouge". Strenge Regeln wurden vom Führer Pol Pot aufgestellt, die jeder zu befolgen hatte oder mit dem Leben bezahlte, wenn er sie nicht einhielt. Kambodscha wurde vom Rest der Welt abgeschnitten und dann begann der Massenmord an den eigenen Landsleuten und niemand kann wirklich erklären warum. Mönche, die Gebildeten sowie vor allem Ärzte und Krankenpflegepersonal wurden unter unvorstellbar grausamen Umständen methodisch umgebracht. 1979 nahmen die Vietnamesen Phnom Penh ein und beendeten das Terrorregime. Von 1975 bis 1979 kamen um die zwei Millionen Menschen (20 Prozent der Bevölkerung) in Kambodscha ums Leben.

Aber erst die UN brachte 1992 ein wenig Stabilität in das herrschende Chaos und bewahrte Kambodscha vor einem erneuten Bürgerkrieg. Denn Kambodscha war bis dahin längst nicht sicher. Die Khmer Rouge waren noch immer in der Überzahl und terrorisierten die Menschen. Noch heute ist die ältere Generation davon traumatisiert. Zusätzlich wurden noch mehr als zehn Millionen Landminen zwischen 1979 und 1991 gelegt. Die Kambodschaner, die ich kenne, sagen mir, dass das Land erst seit ungefähr zehn Jahren richtig sicher ist, abgesehen von den Landminen, weil niemand weiß, wo sie sich genau befinden (deshalb sollte man in Kambodscha nie vom Weg abkommen).

Ich fühle mich allerdings in Kambodscha pudelwohl und absolut sicher und ich bin sehr glücklich über diese Horizont erweiternde Lebenserfahrung. Nur aus Büchern, von Museen und Erzählungen konnte ich mir eine Vorstellung machen von den schrecklichen Ereignissen, die vor gar nicht so langer Zeit hier stattgefunden haben. Meine Gastmutter hat das Arbeitslager während des Pol-Pot-Regiments überlebt und hat viele Menschen verhungern und sterben sehen. Unter den Ermordeten war auch ihr Vater, weil er fünf Fremdsprachen sprechen konnte.

Jeden Tag sterben neugeborene Babys, weil keiner helfen kann

Vor dem Krieg war Kambodscha ein Land im Aufschwung. Man kann es teilweise noch immer an der Struktur einiger verschont gebliebener Häuser und Pagoden sehen. Das soll wieder erreicht werden. Gegenwärtig gibt es die größten Probleme, denen sich auch VSO widmet, im Gesundheits- und Bildungssystem. Jeden Tag sterben neugeborene Babys an Krankheiten, obwohl man dem vorbeugen könnte, hier aber das Wissen oder die Mittel fehlen. Und es sterben Frauen während oder nach der Geburt, weil das Pflegepersonal nicht fähig ist (wenn es überhaupt Pflegepersonal gibt), die korrekte Behandlung auszuführen. Letztes Jahr starben mehr Frauen an Schwangerschaftskomplikationen als an HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Eines der Hauptziele von VSO ist es, diese hohe Kindes-und Mutter-Sterberate zu reduzieren. Seit Ende der 1980er-Jahre gibt es in Kambodscha fünf Schulen, in denen Krankenschwestern und Pfleger sowie Hebammen ausgebildet werden. Meiner Meinung nach sind Wissen und Bildung der Grundstock für eine bessere Zukunft. In der regionalen Schule, die für den ganzen Nordosten zuständig ist, arbeite ich. Mein Job ist es, als "Training Development Advisor" - Entwicklungshelfer -, mit den Lehrern zusammen zu arbeiten und ihnen mein Wissen und meine Erfahrung zu vermitteln, so dass die Studenten effektiver lernen und bessere Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen werden. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht immer. Die Probleme sind eine mangelhafte Infrastruktur und zu wenig Lehrer. Eigentlich mangelt es an allem. Spenden sind sehr willkommen.

"Manchmal möchte ich alles hinwerfen und nach Hause"

Doch ich bin nicht allein, zum Glück arbeite ich im Team und mit der Zeit schafft man die Arbeit immer besser. Für ein Jahr habe ich den Berg erklommen, jetzt stehe ich oben und sehe meine Möglichkeiten, Ziele und Verbindungen ganz klar. Nun bin ich am Verwirklichen meiner Ideen und sehe schon positive Veränderungen. Natürlich ist es manchmal sehr frustrierend und ich möchte am liebsten alles hinwerfen und nach Hause fahren, dann aber ist es wieder sehr lohnend und plötzlich erwacht eine unbekannte Liebe für dieses Land und die Menschen hier in mir und ich kann mir ein Leben anderswo gar nicht mehr vorstellen.

Natürlich vermisse ich schon einige Sachen. Zum Beispiel einen Kühlschrank oder eine richtige Toilette mit Toilettenpapier oder Käse oder Schokolade. Für ein Jahr habe ich allein in einem riesigen Holzhaus auf Stelzen gegenüber dem Mekong-Fluss gewohnt. Doch seit ein paar Monaten lebe ich nun mit einer kambodschanischen Familie zusammen und meine adoptierte Katze hat gerade zum sechsten Mal Junge bekommen.

Beim Essen dreht sich alles um Reis

Kambodschanisches Essen besteht hauptsächlich aus Reis. Fast alles dreht sich hier um Reis. Auf der Straße werde ich von wildfremden Menschen angesprochen: "Nek njam bay ho-wi?" Das heißt soviel wie: "Hast du schon Reis gegessen?" So entwickeln sich manchmal ungeahnte interessante Gespräche, soweit ich mit meinem Khmer mithalten kann. Besonders jetzt in der Regenzeit sieht man die weitgestreckten, frischen grasgrünen Reisfelder, in denen Bauern mit ihren Wasserbüffeln arbeiten. Diese Anblicke sind immer wieder einmalig für mich.

Auch meine asiatischen Kochkünste haben sich verbessert. Reis kochen kann ich jetzt im Schlaf. Gegessen wird hier mit Gabel und Löffel, wenn es schmeckt wird ordentlich geschmatzt, Gräten oder Knochen werden auf den Fußboden gespuckt, für die Hunde. Danach wird ordentlich gerülpst und dann nimmt sich jeder demonstrativ einen Zahnstocher um sich kollektiv die Zähne zu säubern und dann gibt es fünf Minuten vor sich hinstarren und verdauen.

Mein Traum ist es, nach meiner Rückkehr eine Hebammenausbildung in England zu machen und dann irgendwann als Hebamme in Afrika zu arbeiten. Doch bis dahin dauert es noch ein wenig und ich selbst will ja auch bald meine eigene Familie haben. Acht Monate bin ich aber noch in Kambodscha. Es lohnt sich!

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