Hansa im Regen

Der Plan ging so: Hansa zeigt von Anfang an, dass der Verein in der zweiten Liga nichts zu suchen hat, dass Eintracht wieder der Gegner heißen muss, wenn man nach Frankfurt fährt, dass Oberhaus statt Oberhausen das Motto ist, dass am Saisonende der Aufstieg folgt. Die Realität jedoch sieht anders aus. Wohin man schaut: Es kriselt an allen Ecken. Rostock steht im Niemandsland der Tabelle, Hansa steht im Regen. Eine Analyse.

von
29. Oktober 2008, 07:21 Uhr

Die Defensive - Auf der Suche nach dem Bollwerk
In der Aufstiegssaison 2006/07 war die Defensive das Prunk-
stück des FC Hansa. Mit lediglich 30 Gegentoren verfügten die Ostseestädter über die beste Abwehr im deutschen Profifußball. Mittlerweile ist davon allerdings nicht mehr viel übrig geblieben.

Nach den bisher zehn Partien dieser Spielzeit befinden sich die Rostocker immer noch auf der Suche nach der passenden Formation in der Defensive. Sechs verschiedene Vierer-Abwehr-Ketten bot Chef-Coach Frank Pagelsdorf bisher auf.

Keine davon konnte bislang restlos überzeugen. Zudem läuft Organisator Gledson aufgrund von anhaltenden Verletzungssorgen (Adduktoren, Hühneraugen-OP, Grippe) seiner Bestform weit hinterher. Dadurch bislang kaum hundertprozentig fit, fehlte dem wuchtigen Brasilianer oft das richtige Timing in den Zweikämpfen. Es wurde deutlich: Nur ein gesunder Gledson hilft dem Team weiter.

Erfreulich ist dagegen die Entwicklung von Bastian Oczipka. Der 19-jährige deutsche Nachwuchsnationalspieler löste das Problem auf der Linksverteidiger-Position, verdrängte Christian Rahn sowie Heath Pearce ins zweite Glied. Dafür verlagerte sich in den zurückliegenden Begegnungen die Achillesferse der Abwehr auf die rechte Seite, wo Dexter Langen nicht überzeugte. „Darauf werden wir reagieren“, so Pagelsdorf.

Der Trainer - Pagelsdorf zeigt Nerven
Der direkte Wiederaufstieg ist das Ziel des FC Hansa Rostock. Derzeit stehen die Ostseestädter aber nur im grauen Mittelfeld des 2. Bundesliga. Der Abstand zu den Spitzenteams ist schon recht groß, und die Ostseestädter hinken den eigenen Ansprüchen weit hinterher. Klar, dass in solch einer Situation auch der Druck für den Trainer immer größer wird.

Zwar verfügt der 50-Jährige im Verein und bei den Anhängern über einen riesigen Bonus weil er gleich zweimal Rostock in die Bel étage des deutschen Fußballs führte. Dennoch ist die Unterstützung nicht grenzenlos. Zumal die Voraussetzungen nach dem Abstieg keine schlechten waren.

Das Team blieb weitesgehend zusammen und wurde zudem punktuell verstärkt. Erstmal seit mehreren Jahren nahmen die Hanseaten wieder Geld in die Hand, verpflichteten unter anderem für knapp eine Million Euro den dänischen Nationalspieler Martin Retov. Damit erfüllten sich Pagelsdorf den Wunsch nach einem Führungsspieler.

Doch derzeit ist die Liste der Kicker, die nicht an ihre Normalform herankommen, ungewöhnlich lang. Diesen Vorwurf muss sich der Fußball-Lehrer gefallen lassen. Bekanntlich setzt der Trainer nicht schnell jemanden auf die Abschussliste, sondern gibt auch Akteuren verhältnismäßig viel Einsatzzeit, die sich augenscheinlich in einem Formtief befinden. Das scheint ihm in der jetzigen Situation auf die Füße zu fallen.

Beispiel Dexter Langen: Der Rechtsverteidiger läuft seit der Aufstiegssaison 2006/07 seiner Form hinterher. Trotzdem kommt er bereits auf sieben Saisoneinsätze, stand sechsmal in der Start-Elf. Gegen Fürth hatte seine Anteile an beiden Gegentreffern, erhielt in unserer Spielbewertung die Note sechs.

Beispiel Christian Rahn: Zu Saisonbeginn war der früheren Nationalspieler bei Pagelsdorf auf der Position des Linksverteidigers gesetzt. Er konnte die Erwartungen in den ersten Partien nicht erfüllen, flog nach dem 2:2 gegen Mainz (4. Spieltag) komplett aus dem Kader und kämpft seitdem um den Anschluss.

Oft hat sich das Vertrauen des 50-Jährigen in seine Spieler positiv ausgewirkt. So machte gerade Christian Rahn nach einigen Denkpausen immer wieder tolle Spiele. Allerdings nutzte sich dieser Effekt auch ab.

Pagelsdorf stellte sich in der Öffentlichkeit immer vor seine Spieler und machte sich dadurch angreifbar. Das er jetzt von dieser Vorgehensweise – wie im Fall Enrico Kern – abrückt, zeigt, dass auch ihn die ganze Situation nicht kalt lässt.

Die Offensive - 9:0 beschönigt die Bilanz

Von den reinen Zahlen her zählt der FC Hansa mit 22 erzielten zu den offensivstärksten Vertretungen der Liga. Doch der Schein trügt. Vor allem der historische 9:0-Erfolg über die TuS Koblenz beschönigt die Bilanz und übertüncht die weiter bestehende Abschlussschwäche. Offensichtlich wird diese, wenn man die neun Treffer gegen die Rheinländer abzieht. Dann bleiben 13 Tore in neun Begegnungen übrig. Das ist ein Wert, der bestenfalls einem Team aus dem Mittelmaß entspricht.

„Es ist der Fluch der guten Tat. Nach dem Sieg gegen Koblenz hatte ich eigentlich gedacht, dass die Mannschaft schon ein bisschen weiter wäre“, sagt Frank Pagelsdorf.Des Weiteren verteilen sich die 22 Treffer auf neun verschiedene Schützen. Djordjie Cetkovic, Enrico Kern, Kevin Schindler, Regis Dorn und Benjamin Lense führen gemeinsam die interne Torjägerliste an, trafen bisher jeweils dreimal. Für Pagelsdorf ist die Ausgeglichenheit eine Stärke des Teams: „Wir sind im Angriff variabel und nicht ausrechenbar.“

Aber dennoch fehlt ein echter Knipser, der auch in einem schlechten Spiel aus keiner Chance ein Tor macht. Hier sind Spieler wie Enrico Kern, Regis Dorn oder Djordjije Cetkovic gefragt. Alle drei haben unbestritten das Potenzial für zehn bis 15 Saisontore – und will Hansa wieder hoch, müssen sie es endlich abrufen.

Die Vereinsführung - „Trainerdiskussion? – Blödsinn“

Für Hansas Aufsichtsratsvorsitzenden Prof. Horst Klinkmann gibt es nach der 1:2-Heimpleite gegen die SpVgg Greuther Fürth keinen Anlass für eine Trainerdiskussion. „Das ist absoluter Blödsinn. Ich habe eine allgemeine Feststellung gemacht, die mit dem Fußball nichts zu tun hatte. Artenschutz gibt es im täglichen Leben auch nicht“, so der Mediziner.

Dennoch war er mit der Vorstellung des Teams am Dienstagabend nicht einverstanden. „Ich war schon mächtig angefressen über das, was da passiert ist. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass manche Spieler glauben, dass sie in der zweiten Liga ganz gut aufgehoben sind, ihr gutes Gehalt kriegen und damit zufrieden sind, wenn sie so um einem Mittelfeldplatz mitspielen“, erklärte der 73-Jährige.

Diese Einstellung will Klinkmann jedoch nicht gelten lassen, sondern versteht seine Worte als Aufforderung dagegen vorzugehen. „Das betrifft aber nicht nur den Trainer. Sondern wir alle, die im Klub eine Verantwortung tragen, sind jetzt gefordert“, sagte der Aufsichtsratschef.

Damit ist auch Manager Herbert Maronn angesprochen, angegriffen fühlt sich der 49-Jährige durch die Worte von Prof. Klinkmann aber nicht. „Ich werde jetzt natürlich genau hinschauen und viele Gespräche führen. Gegen Fürth lief es mit dem frühen 1:0 eigentlich optimal. Besser geht es nicht. Da kann es nicht sein, dass wir das Heft des Handelns so herschenken“, so Maronn.


Die Auswärtsschwäche - Schiffbruch in der Ferne
13 Zähler haben die Rostocker nach zehn Spielen auf ihrem Konto. In der Fremde holten sie davon allerdings nur drei.

„Wir haben auswärts dreimal zwei Tore geschossen. Da müssen wir einfach mehr Punkte holen“, stellt Kapitän Martin Retov eindeutig klar. Dabei hatten es die Ostseestädter neben den Mitkonkurrenten um den Aufstieg vom MSV Duisburg (2:2) sowie dem SC Freiburg (0:1) außerdem noch mit den Aufsteigern aus Ahlen (2:2), Ingolstadt (2:4) und dem FSV Frankfurt (0:0) zu tun.

Vor allem in den Duellen mit dem Liga-Neulingen ließen die Hanseaten fast alles vermissen und können am Ende noch froh überhaupt zwei Punkte geholt zu haben. „Mit den Auswärtsspielen kann man nicht zufrieden sein. Gerade nach dem 9:0 gegen Koblenz hatten wir uns beim FSV Frankfurt vielmehr erwartet“, sagt Hansa-Manager Herbert Maronn, der in den kommenden Tagen mit Trainer, Kapitän und Spielerrat viele Gespräche führen will.

Die nächste Reise führt die Kogge am Sonntag (14 Uhr) zu Rot-Weiß Oberhausen, erneut ein Aufsteiger. Für eine Kurskorrektur kann nur ein voller Erfolg sorgen. Gelingt dieser nicht, gehen der FC Hansa ganz schweren Zeiten entgegen und muss den Blick vorerst mehr nach unten richten.


Die Fans - Anhänger stehen hinter „Pagel“
Mit zwei Aufstiegen in die 1. Fußball-Bundesliga baute sich Frank Pagelsdorf ein Denkmal in Rostock. Wenngleich mittlerweile auch kritische Töne aus dem Fanlager zu hören sind, überstrahlt trotz der jüngsten Misserfolge der Zuspruch für den 50-jährigen Fußball-Lehrer. Selbst am Dienstag nach der ersten Heimniederlage gegen Greuther Fürth (1:2) skandierte die Fans in Massen „Pagelsdorf, Pagelsdorf!“.

Problematisch ist allerdings, dass Hansa die Zuschauer wegbleiben. Außer im Nordderby gegen den FC St. Pauli (23 000) wurde die Marke von 20 000 Besuchern in der DKB-Arene nicht einmal angekratzt (Aachen 16 500, Mainz 14 300, Koblenz 11 500 sowie Greuther Fürth 11 000). Für die Rostocker bedeutet das Wegbleiben der Fans erhebliche finanzielle Einbußen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen