zur Navigation springen

Ausgrabungen an Güstrower Baustraße abgeschlossen : Handwerker speisten damals Austern

vom

Rund zwei Tonnen Fundmaterial geben Auskunft über das Leben der Menschen in den vergangenen 700 Jahren in der Baustraße in Güstrow. Geborgen wurden Fingerhüte, Knöpfe, Kochgeschirr und die Reste von Austern.

svz.de von
erstellt am 14.Dez.2011 | 10:55 Uhr

Rund zwei Tonnen Fundmaterial - sicher mehr als 50 000 Einzelstücke - geben Auskunft über das Leben der Menschen in den vergangenen 700 Jahren in der Baustraße in Güstrow. "Über das tägliche Leben gibt es kaum Aufzeichnungen. So etwas finden nur die Archäologen", ist Grabungsleiter Holger Fries sehr zufrieden mit dem Ertrag der Ausgrabungen im Eck von Baustraße und Armesünderstraße. Dort, wo einst das Haus "Sonne" stand und im nächsten Jahr mit dem Bau des "Sonnenhofes" insbesondere mit altersgerechten Wohnungen begonnen werden soll, bewegten die Ausgräber in den vergangenen Monaten rund 2000 Tonnen Erde, tauchten ab bis in die Zeit der Ur- und Frühgeschichte und können nun beweisen, dass die Baustraße schon mit der Stadtgründung 1228 bewohnt war.

Glockengussgrube aus zweiter Hälfte des 14. Jahrhundert

Handwerker, die Metall bearbeiteten, hatten hier ihre Werkstätten. Fries vermutet, dass es ihnen recht gut ergangen sein muss. "Wir haben glasierte Keramik gefunden. Die war seinerzeit teuer", erklärt der Grabungsleiter. Auch Grapen gießer - sie stellten bronzene Kochtöpfe her - lebten an der Baustraße und ein Glockengießer. Fries zählt eine Glockengussgrube aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Funden. Es sind aber auch ganz kleine Stücke, die ein Laie mit Sicherheit übersehen würde, die den Fachmann aber hoch erfreuen. Zum einen zeigt Fries zwei so genannte Stadtmarken. "Es ist eine Art Handwerker-Qualitätssiegel aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts", erklärt der Archäologe. Es gab seit dem 14. Jahrhundert Meistermarken und Stadtmarken. Bekannt seien letztere bisher u.a. aus Stralsund und Wismar. Aber nun ist Fries sich fast sicher, dass es auch eine Güstrower Stadtmarke gab. Zwei Bruchstücke weisen darauf hin.

Zwei noch kleinere Fundstücke deuten auf die Anwesenheit von Jägern und Sammlern hin. Das ist ein Teil eines Mikrolithen aus der Zeit um 9600 v. Chr. Eine Pfeilspitze, so erklärt Fries, bestand aus mehreren Dreiecken, die in einem Holzschaft verankert waren. "Das waren ziemlich fiese Widerhaken", meint der Archäologe. Aus der Jungsteinzeit (4000 bis 2000 v.Chr.) stammt eine weitere Pfeilspitze.

Keramik erleichtert zeitliche Einordnung der Funde

Geborgen wurden Fingerhüte, Knöpfe, Teile von Gürtelschnallen, Kochgeschirr und die Reste von Austern, in erster Linie aber Dinge, die schnell kaputtgehen und die den Archäologen eine Datierung erleichtern. Das sind vor allem Keramik- und Glasscherben. "Die Keramik war der Mode unterworfen und das schon im Mittelalter", sagt Fries. Das macht eine zeitliche Zuordnung möglich. Daraus resultierend könne die Bau- und Siedlungsgeschichte nachvollzogen werden. Da aber stets auch Puzzle-Teile fehlen, bleibe diese Arbeit für den Archäologen immer spannend.

Nach Abschluss der Grabungen, der Reinigung, Zuordnung und peinlichst genauen Auflistung sowie Verpackung aller Fundstücke folgt für den Archäologen die Auswertung der Schriftquellen. Ab Januar wird Fries im Stadtarchiv arbeiten. Am Ende, sicher nicht vor April, wird er einen Bericht verfassen und Pläne gezeichnet haben, die die einzelnen Phasen der Bebauung im Mittelalter und in der Neuzeit darstellen. Mehr als 300 Zeichnungen hat der Archäologe schon während der Ausgrabungen angefertigt. Sie werden zu einem größeren Ganzen zusammengefügt.

"Es war eine tolle Sache mit durchaus spektakulären Ergebnissen", schätzt Fries die Grabung, die bei bestem Herbstwetter und ohne, dass parallel dazu bereits Bauarbeiten liefen, im geplanten Zeitrahmen abgeschlossen werden konnte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen